Maputo

Mosambikanische Freunde sagen mir, fernab der Hauptstadt glaubten viele Menschen, diese Flutkatastrophe sei über das Land gekommen, weil sich das Volk bei der letzten Wahl falsch entschieden habe. Unklar ist allerdings, ob sie mit "falsch" den Präsidenten Joaquøm Chissano oder seine Partei Frelimo meinen. Jedenfalls empfindet man das Unheil als eine Art übernatürlichen Racheakt. Mag sein. Zumindest ist dieser Glaube nicht seltsamer als der Millenniumskult im Westen, als man felsenfest überzeugt war, die Welt werde in der Silvesternacht 1999 untergehen.

Die meisten Mosambikaner aber fragen: Sollen unsere Schicksalsschläge nie enden? Erst durchlitten wir 400 Jahre brutalen Kolonialismus. (Südafrika hatte Apartheid, die portugiesische Kolonie Zwangsarbeit. Die Systeme unterschieden sich nicht wesentlich.) Nach der Unabhängigkeit 1975 kam ein langer, grausamer Bürgerkrieg, ausgelöst vom rassistischen Regime im damaligen Südrhodesien. Seit 1994 herrscht Frieden

er hat sich als stabil erwiesen. In Maputo hatten die Leute begonnen, ihre Häuser zu streichen, zuverlässiges Zeichen eines neuen Optimismus.

Aber das Hauptproblem blieb. Ich wage gar zu behaupten, das einzige Problem: die Armut. Ich halte es für reine Heuchelei, wenn man uns erklärt, Mosambik habe die höchsten Wirtschaftswachstumsraten in Afrika südlich der Sahara. Ja, es gibt Leute oder Gruppen, denen es eindeutig besser geht als vor einigen Jahren. Aber auf dem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt, ist das Leiden so groß wie eh und je.

Und nun dies. Die Stürme und den Regen können wir der internationalen Gemeinschaft kaum anlasten. Doch wir müssen ihr - und uns selbst - Fahrlässigkeit und Arroganz vorwerfen. Wir haben die staatlichen Strukturen in Mosambik nicht genug gefördert. Wir haben dem Land nicht geholfen, einfache eigene Katastrophenschutzvorkehrungen zu treffen. Gegen diese Forderung wird oft die tief verwurzelte Korruption ins Feld geführt. Das stimmt - aber das Argument ist trotzdem zynisch. Wenn wir nicht weiter die Schaffung eines starken Staates unterstützen, dann füttern wir diese Korruption! Wir sind schuldhaft kurzsichtig gewesen. Im Übrigen bedarf es bei der Korruption immer zweier Hände: einer zum Geben und einer zum Nehmen.

Die Verlierer in dieser fortdauernden Katastrophe sind immer dieselben: die Tagelöhner, die Kleinbauern, die Armen. Die Mehrheit der Bevölkerung. Jetzt, da wir zuschauen, wie sie vor dem Wasser fliehen, kann unser Ziel nur die Rettung von Leben sein. Aber Mosambik wird noch lange unseren Beistand brauchen. Es gilt, Epidemien zu verhindern, Straßen und Brücken aufzubauen und das Ackerland wieder urbar zu machen. Die Wassermassen haben die Erde in Bewegung versetzt, sodass vormals tief vergrabene Landminen nun ihre mörderische Wirkung entfalten können.