Herbert Mai wachsen die Probleme allmählich über den Kopf. Nicht allein, dass der ÖTV-Chef vor einer mutmaßlich unergiebigen Tarifrunde steht und ihm die eigenen Funktionäre bei der geplanten Gründung der Mega-Dienstleistungsgewerkschaft Verdi neuerdings die Gefolgschaft zu verweigern drohen. Scheitert die Fusion der fünf beteiligten Gewerkschaften an der ÖTV-Basis, wäre das auch für ihren Chef eine schwere persönliche Niederlage. Und nun laufen auch noch die Kosten der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst aus dem Ruder, jener Institution aus besseren Zeiten, mit der die Rente ehemaliger Staatsdiener komfortabel ausgepolstert wird. Das könnte auch für die Beschäftigten ziemlich teuer werden.

Grund für die aktuellen Schwierigkeiten sind ausgerechnet die Steuerreform von Bundesfinanzminister Hans Eichel und die Entscheidung von Arbeitsminister Walter Riester, die Renten zwei Jahre nur mit der Inflation steigen zu lassen - Projekte also, die eigentlich die Arbeitnehmer entlasten sollen. Im öffentlichen Dienst allerdings treiben sie die Kosten, und das liegt an der besonderen Konstruktion der Zusatzversorgung. Nach der wird die gesetzliche Rente jedes ehemaligen Arbeiters oder Angestellten im öffentlichen Dienst auf bis zu 91,75 Prozent des Nettoeinkommens aufgestockt. Entscheidend dabei: Nicht das letzte Netto des einzelnen Rentners ist die Berechnungsgrundlage, sondern der Verdienst eines vergleichbaren Beschäftigten, der heute noch aktiv ist. Das ist für die ehemaligen Staatsdiener höchst komfortabel. Sie partizipieren an jeder Einkommenserhöhung der Aktiven, und die andauernden Diskussionen über sinkende Renten können ihnen herzlich egal sein - der Staat muss halt mehr drauflegen. Steigen nun durch Eichels Steuersenkungen die Nettolöhne und sinkt durch Riesters Reform das Rentenniveau, muss die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) eine entsprechend größere Lücke stopfen.

Wie groß diese wird, wollte die VBL genauer wissen. Sie beauftragte die Versicherungsmathematiker von Bode Grabner Beye & Partner, die Folgen der beiden Reformen auszurechnen. Das vertrauliche Gutachten der Sachverständigen birgt erheblichen Sprengstoff: "Die Unterdeckung zum 31. 12. 2003 wird ca.

3600 Mio DM betragen", heißt es darin - vorausgesetzt, der Umlagesatz von derzeit 7,7 Prozent der Lohnsumme, mit der die öffentlichen Arbeitgeber die Zusatzversorgung finanzieren, werde beibehalten.

Um die 3,6 Milliarden Mark aufzubringen, muss der Umlagesatz auf bis zu zehn Prozent steigen. Und das wird nicht nur für den ohnehin klammen Staat teuer, sondern auch für seine noch aktiven Diener. Denn die müssen sich seit Anfang des Jahres erstmals an den Kosten des aufgeblähten Systems beteiligen - mit 1,25 Prozent, was für einen normalen Beschäftigten einen Verlust von 70 bis 100 Mark im Monat bedeutet. Und jede weitere Erhöhung des Umlagesatzes wird, so ist es vereinbart, zwischen Arbeitgebern und öffentlich Bediensteten paritätisch geteilt. Das macht dann noch einmal eine ähnliche Summe.

ÖTV-Chef Herbert Mai steht nun vor der Alternative, entweder seinen Leuten dieses Opfer abzuverlangen - und damit einen erklecklichen Teil dessen, was er in der Tarifrunde dieses Jahres für sie herausholen kann, gleich wieder dranzugeben. Oder er muss die Ansprüche der wachsenden Zahl von Ruheständlern beschneiden - und sich damit an einem Heiligtum des öffentlichen Dienstes vergreifen.