Dresden

Dietmar Hustig, 55 Jahre, ist arbeitslos und arbeitet doch. Rund drei Stunden am Tag ist er bei Tauris beschäftigt, einem einmaligen Projekt, das seit einem halben Jahr in Sachsen betrieben wird (ZEIT Nr. 45/99) und von Anfang an umstritten war. Das Prinzip von Tauris ist einfach: Vereine oder Kommunen bieten gemeinnützige Aufgaben an, die "dringend notwendig, aber wegen leerer Kassen bisher liegen geblieben sind" und nun von Langzeitarbeitslosen über 50 und Sozialhilfeempfängern erledigt werden können. Es gibt keinen Lohn, sondern eine monatliche Aufwandsentschädigung von 150 Mark. Die Arbeitslosen- oder Sozialhilfe wird weiter gezahlt.

Dietmar Hustig widmet sich dem Brandschutz, er unterrichtet ihn an Schulen und Kindergärten. Andere betreuen Pflegebedürftige, helfen in Museen und Archiven oder reparieren Spielplätze und Sportanlagen. Das Angebot ist breit gefasst, eine Qualifikation nicht zwingend. Mit diesem Projekt der Landesregierung will Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) den Menschen "die Wahrheit sagen", die da lautet: Auf einem Arbeitsmarkt, der Vollbeschäftigung für alle nicht mehr biete, "ist doch klar, dass Leute, die länger als ein Jahr lang arbeitslos sind, keine reale Chance mehr haben". Mit Tauris sollen sie "eine sinnvolle Aufgabe" erhalten, eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt ist nicht das Ziel.

Gerade deshalb wird das Projekt von der Kirche, den Gewerkschaften und Arbeitsloseninitiativen sehr kritisiert. Johannes Roscher, Beauftragter für Arbeitslosenfragen bei der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), meint, es sei grundfalsch, einer so heterogenen Gruppe wie Langzeitarbeitslosen über 50 und Sozialhilfeempfängern zu sagen, sie würden künftig auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht. "Wir können doch beispielsweise jungen Sozialhilfeempfängern nicht vermitteln, ihr seid auserwählt, für ganz wenig Geld notwendige Aufgaben in den Gemeinden zu erledigen, aber für mehr reicht es zukünftig nicht. Das ist zynisch", erklärt Roscher. Tauglich allerdings sei das Projekt für jene, die eine Beschäftigung auf Zeit wollen, ob aus familiären oder Altersgründen, und vor allem für jene, die sagen: "Ich gebe einen Teil meiner Erwerbsarbeit ab und beschäftige mich so anderweitig."

In Sachsen gibt es Zehntausende potenzieller Kandidaten für Tauris. Dietmar Hustig etwa hat zwei Drittel seines Arbeitslebens tagein, tagaus als Technologe, als Planer in einem Maschinenteilewerk im sächsischen Kamenz verbracht

nach der Wende auch so manches Wochenende, bis zur Kündigung.

Hustig war 48 Jahre, "zu jung für die Rente und schon zu alt für den Arbeitsmarkt". Jahrelang war er arbeitslos, auf Hoffnung folgte Verdrossenheit, "so dass ich, wenn ich einen Bekannten sah, die Straßenseite wechselte, damit er nicht fragen konnte, ob ich wieder was habe". Nun ist Hustig einer von rund 500, die sich in sechs Testregionen an Tauris beteiligt haben. Die Zahl derer, die nachfragten, aber nicht zusagten, soll doppelt so hoch sein. "Dass es weniger Interessenten gibt, als Aufgaben da sind, liegt an der Konkurrenz durch andere Beschäftigungsprogramme", heißt es bei der Tauris-Koordinierungsstelle in Kamenz. Die Testphase hat aber auch gezeigt, dass nicht jede Tätigkeit angenommen wird. "Wenn es danach aussieht, für andere den Dreck wegzuräumen, dann heißt es: Das sollen die machen, die dafür anständig bezahlt werden", erzählt ein Mitarbeiter.