Begegnungen mit Hans-Georg Gadamer heißt ein Reclam-Bändchen, das der Tübinger Philosoph Günter Figal pünktlich zum 100. des Meisters herausgegeben hat. 20 Philosophen und Künstler erzählen von ihrer Bekanntschaft mit Gadamer. Man erfährt, wie Gadamer einmal Richard Rortys Weinkeller leerte, sich beinahe von Dieter Henrich im Schach schlagen ließ oder den jungen Habermas für den Rest seines Lebens davon abhielt, seine Nase in fremde Dissertationen zu stecken. Alle diese Geschichten aber führen zu erhellenden Stichworten über die Tragweite des von Gadamer angeregten Philosophierens.

Dabei fällt mehr als einmal der Satz, der auch in den Zeitungsberichten zu Gadamers 100. Geburtstag immer wieder zitiert wurde: "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache." Es hat sich eingebürgert, in dieser dreigliedrigen, durchaus lyrischen Sentenz die Summe von Gadamers umfangreichem Hauptwerk Wahrheit und Methode (Niemeyer Verlag, Tübingen 1960) zu sehen. Jedoch ist der Satz, wie bei solchen Formeln unvermeidlich, in mehrfacher Hinsicht dunkel. In seiner an Gadamers dialogische Lehrtätigkeit erinnernden Betrachtung schlägt Gottfried Boehm eine Lesart vor, die der gängigen Deutung widerspricht. Diese versteht unter der "Sprache" des Zitats vorwiegend den schriftlichen Text, der einer auslegenden Aneignung bedarf.

Das Sein, von dem Gadamer spricht, wäre demnach, mit einem Wort von Odo Marquard, ein "Sein zum Text".

Damit aber käme nicht allein die Differenz zur dekonstruktiven Philosophie eines Jacques Derrida zum Verschwinden, derzufolge es "kein Außerhalb des Textes" gibt. Damit würde auch, wie der Kunsthistoriker Boehm einwendet, das Gewicht der Wahrnehmung auf eine dramatische Weise unterschätzt. Unter dem Sein, dem Gadamer einen Sprachcharakter zuspricht, müsse daher alles Sein verstanden werden: "Es umfaßt die Sprache der Dinge ebenso wie die der Natur, die Sprache der Schönheit, der Bilder oder auch der Musik." Dem Wortlaut nach kann sich Boehm auf Gadamer stützen, der zur Erläuterung seines eleganten Slogans schreibt: "So reden wir ja nicht nur von einer Sprache der Kunst, sondern auch von einer Sprache der Natur, ja überhaupt von einer Sprache, die die Dinge führen."

Das aber ist seinerseits zu dunkel, um wahr sein zu können. Wenn alles, was ist, buchstäblich Sprache ist, verliert der Begriff der Sprache jede Kontur.

Plausibler ist eine dritte Lesart, die das Sein in die Perspektive der sprachlichen Verständlichkeit rückt. "Sprachlich und damit verständlich ist das menschliche Weltverhältnis schlechthin und von Grund aus", heißt es entsprechend bei Gadamer. Das verstehbare "Sein" ist somit keine von uns losgelöste Wirklichkeit, sondern eine im Medium sprachlicher Unterscheidungen handelnd und erkennend vollzogene Weltbegegnung. Diese steht dem Verstehen offen, indem sie die Erfahrung einer Vielfalt von Sachen eröffnet, über die wir uns verständigen können. Allein durch Sprache kommen wir zu einer reichhaltig artikulierten Welt.

Wenn Gadamer und mit ihm Boehm diese Artikuliertheit als "Sprache" bezeichnen, verwenden sie den Begriff metaphorisch für die Bestimmtheit und Bedeutsamkeit, die Gegebenheiten und Gelegenheiten für die menschliche Auffassung gewinnen. Der Umriss aber, den die Dinge und Ereignisse der Welt haben, ist an die Möglicheit intersubjektiver sprachlicher Bestimmungen, also einer Kommunikation im eigentlichen Sinn gebunden. Alles, was mit Bestimmtheit wahrnehmbar und erkennbar ist, ist allein aus Kontexten sprachlichen Verstehens zugänglich - so könnte eine Prosa-Übertragung des Gadamerschen Verses lauten.