Manchem Tierschützer hätte ein Heldentod ideologisch besser in den Kram gepasst. "Frei leben, in Würde aussterben" sollte den letzten Exemplaren des kalifornischen Kondors erlaubt sein. Dies forderten gemeinsam amerikanische Vogelschutzgesellschaften und Chumash-Indianer, deren Seelen der heilige Aasfresser in den Himmel trägt. Kenneth Brower, Lautsprecher der "Extinction with dignity"-Bewegung, meinte: "Wenn für den Kondor die Zeit gekommen ist, Teratornis - dem längst gegangenen Monstervogel des Pleistozäns - zu folgen, dann soll er ohne Funksender am Bein fossilieren dürfen."

Ein Berufungsgericht beendete im Juni 1986 den jahrelangen "ökologischen Bürgerkrieg" (New Scientist) zugunsten derer, die auf ein Überleben im Zoo setzten. Der Entscheid fiel zu einem Zeitpunkt, als der größte Vogel Nordamerikas den Kampf in der Wildnis bereits verloren hatte: Die drei übrig gebliebenen Männchen durften eingefangen werden.

Zusammen mit den in Zoos beheimateten Exemplaren zählte die Kondorgemeinde 1987 noch 29 Individuen. Bloß Optimisten glaubten damals, dass den schwarzbraunen Gleitern mit dem rosaroten, faltigen Skinhead und der beachtlichen Flügelspannweite von knapp drei Metern ein ähnlicher Erfolg beschieden sein könnte wie den in den Refugien der Tierparks aufgepäppelten Przewalskipferden oder der Hawaiigans. Aber sie könnten Recht behalten. Dass heute wieder 49 Vertreter von Gymnogyps californianus ihre weiten Runden durch Arizonas Lüfte drehen und 112 als rettende Brüter und Freisetzungskandidaten in Gefangenschaft leben, ist vor allem der Erfolg der Zoos und des amerikanischen Fish and Wildlife Service. In San Diego, Los Angeles und im Peregrine Fund's World Center for Birds of Prey in Idaho schlüpften seit Einläuten der Rettungsaktion über 150 Küken. Dabei musste die natürliche Fortpflanzungsgeschwindigkeit jedoch merklich erhöht werden.

Kondore, mit sechs Jahren erst geschlechtsreif, lassen sich bei der Aufzucht ihres jeweils einzigen Jungen zwei Jahre Zeit. Stiehlt man ihnen aber die gelegte Brut, legen sie ein in Reserve gehaltenes, befruchtetes Ei - und bei einem weiteren Verlust gar ein drittes.

Die künstlich ausgebrüteten "Waisen" wurden mit Handschuhen im Kondoreltern-Look gefüttert und seit 1992 paarweise ausgewildert. Anfänglich mit einer niederschmetternden Misserfolgsbilanz. In der neu erlangten Freiheit ging es den Vögeln nicht besser als ihren Vorfahren. Mal streckte sie eine Ladung Schrot nieder. Andere gerieten an Starkstromleitungen und Kojoten. Oder sie tranken frostschutzverseuchtes Wasser. Was der Mensch in die Umwelt entlässt, landet in den Mägen der Kondore am Ende der Nahrungskette. Als gefährlichster Feind entpuppte sich das Blei in angeschossenem, verendetem Getier. Seltener als andere Aas fressende Vögel würgen die Kondore Ballen mit Gefieder- und Pelzresten aus ihrem Magen. Bevor sie den giftigen Ballast loswerden, gelangt das Blei in die Blutbahn. Es legt den Verdauungsapparat lahm und greift das Nervensystem an.

Um die Überlebenschancen der zurück in die Natur entlassenen Kondore zu erhöhen, starteten die Zoos ein aversive training. Sie stellten Pfosten ins Gehege und setzten die Drähte dazwischen unter Strom. Bei jedem Versuch, sich auf die Leitung zu setzen, kassierten die Vögel einen leichten Stromschlag.

Die grobe Therapie zeigte Erfolg: Elektrisch erzogene Jungvögel meiden Strommasten auch in der Freiheit. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass von tierischen Eltern und nicht von Puppen aufgezogener Nachwuchs erfolgreicher ist. Seit sie nur noch bei Nacht gefüttert werden, meiden die Halbwüchsigen die Nähe von Menschen und verzichten darauf, von Campern Grillwürste zu erbetteln.