Harry Collins/Trevor Pinch: Der Golem der Technologie. Wie unsere Wissenschaft die Wirklichkeit konstruiert

aus dem Englischen von Gabriel Hochfels

Berlin Verlag, Berlin 2000

228 S., 39,80 DM

Ein Gummiring und ein Glas Eiswasser. Die reichten dem Nobelpreisträger Richard Feynman, um das tödliche Versagen der Nasa vorzuführen. Die US-Raumfahrtbehörde hatte die Raumfähre Challenger an jenem Januartag 1986 trotz Minusgraden starten lassen. Tatsächlich hatten sich Dichtungsringe an den Hilfsraketen durch den Frost verhärtet, was kurz nach dem Start zu einem Leck und schließlich zu der Explosion führte, bei der sieben Astronauten starben. Doch Feynmans Unterstellung, zu dem Unglück sei es gekommen, weil Techniker ein simples Problem übersehen hätten, ging fehl. Aber auch das verbreitete Schurkenstück von den skrupellosen Managern, die Bedenken braver Ingenieure beiseite wischen, stellt sich für Harry Collins und Trevor Pinch wesentlich komplexer dar. Technologieexperten, so die These der beiden britischen Wissenschaftssoziologen, stehen wie alle Menschen in einem sozialen Kontext und fällen so ihre Urteile. Ihre Entscheidungen folgen daher trotz rationaler Gebärde selten allein einer absoluten "wissenschaftlichen Methode", die man - wie Feynman suggerierte - doch einfach nur anwenden müsse, damit nichts passiert.

Den Methodenmythos der Naturwissenschaft hatten Collins und Pinch bereits in ihrem früheren Buch Der Golem der Forschung aufs Korn genommen - und sich damit reichlich unbeliebt gemacht. Im Golem der Technologie verfolgen sie diesen Ansatz weiter in die angewandte Naturwissenschaft. Das Challenger-Desaster ist nur eines ihrer sieben Fallbeispiele für die soziale Bedingtheit technischer Expertise. Mit Technikfeindlichkeit hat das gleichwohl nichts zu tun. Im Gegenteil: Expertentum ist nach Collins und Pinch wichtig - zu wichtig, um es nur Experten zu überlassen, sich klarzumachen, unter welchen Bedingungen es funktioniert. Daher ist das Buch für jedermann verständlich geschrieben. Und sicher ist es im Sinne der Autoren, wenn der Leser auch bei den Metaexperten Collins und Pinch Sensibilität für soziale Kontexte walten lässt. Gelegenheit dazu bietet ihr letztes Fallbeispiel. Dort erzählen sie eine Hollywoodreife Geschichte von Aids-Aktivisten, die als Laien das medizinische Establishment aufmischen, damit klinische Tests erfolgversprechender Aids-Medikamente nicht zulasten Placebo schluckender Patienten gehen. Leider ist die Wirklichkeit auch hier komplizierter als das politisch korrekte Lied von der Expertise Betroffener.

Warum die beiden Soziologen es trotzdem singen, wäre vielleicht eine lohnende Frage für ihr nächstes Buch.