Eigentlich verdient der Mann sein Geld als Professor für Sozialpolitik.

Er macht sich Gedanken, wie das deutsche System der sozialen Sicherung mit der Globalisierung fertig wird. Neben der Forschung hat er aber inzwischen eine weitere Einnahmequelle entdeckt: Er zockt am Neuen Markt in Frankfurt, was er aber lieber nicht an die große Glocke hängen möchte. Beim Börsengang von Freenet beispielsweise, der Internet-Tochter der Telefongesellschaft Mobilcom, hat er Aktien geordert. Und er hatte Glück: Im Losverfahren wurden ihm Anteile zugeteilt, dabei standen die Chancen nur eins zu einunddreißig.

Als er sich nach zwei Tagen von seinen Anteilen trennte, nahm er 100 Prozent Gewinn mit. Noch heute wundert sich der Professor ein bisschen über sich selbst: "Es war ein reiner Spekulationskauf, völlig wider meine Natur."

Für die, die leer ausgehen, bleibt der Frust

Am 10. März wird der Neue Markt, die Börse für junge und innovative Unternehmen, drei Jahre alt. Die Anleger haben die Geburtstagsparty vorgezogen und sacken schon seit Anfang des Jahres sichere Gewinne ein bei Unternehmen, die neu an die Börse gehen. Schon am ersten Handelstag erreichen die Kurse der jungen Aktien regelmäßig enorme Höhen. Und die Investoren können kräftig absahnen. Bei Web.de lag die Erstnotiz 150 Prozent über dem Ausgabepreis, Pironet: 232 Prozent, Popnet: 340 Prozent, bei Biodata waren es sogar 433 Prozent. Und die Kurse klettern stetig weiter.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach neuen Titeln um ein Vielfaches höher liegt als das Angebot, sie sind heillos überzeichnet. Wer zu den Glücklichen gehört, darüber entscheiden die Banken meist im Losverfahren. Für die, die leer ausgehen, bleibt nur der Frust. Aber genau das ist die Voraussetzung für die wunderbare Geldvermehrung. "Wenn alle was bekommen würden, gäbe es keine Zeichnungsgewinne", sagt Uwe Wulf von der DG Bank.

Dass die Kurssteigerungen so exorbitant ausfallen, dafür haben selbst nüchterne Banker nur noch diffuse Erklärungen zur Hand. Von "Fantasien der Kleinanleger" ist die Rede, von der "Euphorie am Markt", von der "sexy Story", die der jeweilige Börsenneuling zu bieten habe. Und mancher Experte hat gar schon gänzlich kapituliert. "Das ist einfach nicht mehr zu erklären", sagt Markus Straub, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre.