Wir sind schon elend dran, wir armen Deutschen. Will uns ein Hörbuch-Verlag einmal einen Bestseller wie Die Bibel als auch erotisch bedeutendes Buch nahe bringen, gar noch mit der aus Propheten-Vollbart dröhnenden oder säuselnden Stimme eines der großen Vorleser, Harry Rowohlts, so geht dies offenbar nicht, ohne niederste Instinkte zu reizen. DeutschlandRadio und der für seine anspruchsvollen, kühnen Produktionen bekannte Verlag Hörbuch Hamburg von Margrit Osterwold traut sich, ein lesens-, ein hörenswertes (Hör-)Buch auf den Markt zu bringen - unter dem Titel Die schweinischsten Stellen aus dem Alten Testament.

Ja, was ist denn daran "schweinisch", wenn Gott Vater, nachdem er Sau und Eber, Ferkel und Frischling auf die Weide geschickt hat, reichlich spät, entdeckt: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei"?

Wie Das Hohelied Salomos in die Heilige Schrift gekommen ist, muss uns nicht kümmern angesichts poetischer Bilder, die seither die Dichtersprache von Morgen- und Abendland prägen: "Deine Backen stehen lieblich in den Kettchen, und dein Hals in den Schnüren ... Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die gelagert sind am Berge Gilead herab ... Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden ... Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln? Aber mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch, und mein Innerstes erzitterte davor ... Deine Lenden stehen gleich aneinander wie zwei Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. ... Brauche das Leben mit deinem Weibe, solange dein eitel Leben währt, denn das ist dein Teil im Leben."

Aber wie anders als "schweinisch" soll alle - zärtlich heftige - Lieblichkeit für ein Volk übersetzt werden, das eine der zartesten Stellen des Körpers als Brustwarzen schmäht? Wo, wenn nicht in Deutschland, erstirbt jedes Gespräch zwischen der brutalen Hinterhofvokabel "ficken" oder dem Bürokratenwort der Amtsstuben: "Geschlechtsverkehr"? Und hat das von Feministinnen eingebrachte Verb (im Deutschen: "Tuwort") "bürsten", in der zärtlicheren Variante: "bürsteln", mehr eingebracht als einen Anklang an die schwäbische Kehrwoche?

Wer an den leider schon beim Erscheinen, 1978, wenig beachteten Roman Das blaue Bidet oder Das eigentliche Leben des deutsch-franzöischen Romanciers Joseph Breitbach (1903 bis 1980) denkt, wundert sich nicht, dass auch die neue Reihe erotischer Literatur des Audio Verlags (zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk) - bisher - ein Fiasko ist.

Erotische, pornografische Bücher, die ihr Recht in der Literatur haben wie Erbauungsschriften oder Anleitungen zu tätiger Lebenshilfe (vom möglichen literarischen Wert zu schweigen), dürfen nicht so lieblos auf "Stellen" reduziert werden, wie hier geschehen. Das haben Meister der erotischen Kultur und der erzählerischen wie John Cleland und Mirabeau nicht verdient. Wenn man den Erzähl- als Lebensrhythmus zwischen Hektik und Ruhe, Anspannung und Erholung, allegro vivacissimo und lentissimo smorzando nicht garantieren kann, sollte man aus solchen Büchern die Hände lassen. Heiße Platten?

Lauwarm!