Die Fusionitis geht um, und sie macht Angst. Angst vor dem Ausverkauf deutscher Betriebe, vor einer Überfremdung der Wirtschaft, vor dem Verlust "typisch deutscher" Unternehmenskultur. Bundeskanzler Gerhard Schröder will dagegenhalten. Er hat eine Kommission von Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft berufen, die gesetzliche Vorschriften für Unternehmenskäufe in Deutschland vorbereiten sollen.

Auslöser war die Schlacht um Mannesmann. Gigantische Summen, großmäulige Manager, gewaltige Anzeigenkampagnen, verunsicherte Aktionäre - so etwas hatte es in Deutschland nie zuvor gegeben. Dann der Sieg der Briten über die Deutschen. Warum eigentlich? Nur weil die Strategen von der Insel lauter gebrüllt und besser geblufft hatten? Schließlich der Reflex: heute Mannesmann, warum nicht morgen ein Chemiekonzern oder ein Autobauer, der über die Börse preiswert zu haben ist? Das darf doch nicht wahr sein!

Warum eigentlich nicht? Der unbehinderte Fluss von Kapital ist eine der Grundvoraussetzungen für das Funktionieren des Europäischen Binnenmarktes.

Selbstverständlich muss diese Grundregel auch für Beteiligungen an Unternehmen jeglicher Größe bis hin zur Übernahme gelten. Das fehlt gerade noch, dass die Europäer mit der gleichen Währung zahlen, aber sich Vorschriften machen, was der Partner damit kaufen darf und was nicht.

Und das in einer Zeit, in der die Vernetzung weltweit nicht aufzuhalten ist.

Kein Land, das die Zukunft nicht verschlafen will, kann sich der Kapitalverflechtung entziehen. Auch die deutsche Wirtschaft investiert weltweit, erwirbt Beteiligungen und ganze Firmen. Daimler kauft Chrysler, die Deutsche Bank erwirbt Bankers Trust - als wäre das die normalste Sache der Welt. Freundliche oder feindliche Übernahmen geschehen um uns herum schon seit langem. Warum sollen ausgerechnet dann nationale Interessen auf dem Spiel stehen, wenn Vodafone sich Mannesmann einverleibt?

In praktisch allen EU-Ländern gelten Regeln für Übernahmen, in Deutschland seit 1995 auf freiwilliger Basis. Doch nationale Vorschriften sind obsolet, wenn Europas Wirtschaft wirklich über die Grenzen zusammenwachsen soll. Da wäre ein neuer Kodex für Deutschland ein Schritt zurück. Wenn schon neue Vorschriften, dann allenfalls für die gesamte EU. Das gilt auch dann, wenn die Übernahme nicht grenzüberschreitend ist. Nationale Champions haben keine Zukunft, die Global Player sind wenigstens europäisch, wenn nicht transatlantisch.