Ein Parkplatz am Rande des Westerwalds. Morgens um sieben versammeln sich hier 60 Männer und fünf Frauen. Etwas abseits warten 30 Treiber mit ihren Hunden. Forstdirektor Franz Straubinger hat zur Jagd geladen. Gejagt wird im Revier von Hermann Graf Hatzfeldt. Bei der Begrüßung gibt Straubinger den Schuss auf Reh, Wildschwein und Fuchs frei. "Und sollte ein Hase vorbeikommen, kann der auch mitgenommen werden." Eine halbe Stunde später ist der Parkplatz leer. Treiber ziehen mit lautem "Hopp hopp" durch den Wald, die Jäger verteilen sich auf ihre Ansitze.

In einer dichten Fichtenschonung wartet Elisabeth Emmert auf dem Hochsitz.

Sie ist nicht nur Jägerin, sondern auch die Bundesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbandes. Seit einigen Jahren bringt der kleine ÖJV endlich Bewegung in die eingefahrenen Rituale der Jägerschaft - ungefähr so, wie die Grünen Anfang der achtziger Jahre in die Politik. Vor allem der traditionsreiche Deutsche Jagdschutzverband (DJV) empfindet die Ökojäger als Provokation. Jahrzehntelang verstand er sich als das alleinige Sprachrohr aller Jäger. Jetzt fordert ein neuer Verband Reformen, und schon ist der Streit mit den etablierten Waidgenossen da.

Dabei geht es vor allem um eine Frage: Wie viel Wild verträgt der Wald? In deutschen Forsten leben heute mehr Rehe und Wildschweine als je zuvor. Schön für die Jäger, schlecht für den Wald. Denn Knospen und junge Triebe sind Delikatessen für die hungrigen Mäuler. Laut Forstgutachten ist in manchen Regionen jede zweite junge Tanne und jede dritte Buche geschädigt.

Schuld am hohen Wildbestand seien oft die Jäger, sagt die ÖJV-Vorsitzende.

Besonders durch die Fütterung im Winter trieben sie die Bestände künstlich in die Höhe. "Und das nur, damit auch jeder Sonntagsjäger garantiert zum Schuss kommt." Natürliche Waldverjüngung findet in Deutschland fast nur noch hinter Schutzzäunen statt. Mehr als 70 000 Kilometer Zaun stehen bereits in den Wäldern. Einigermaßen widerstandfähig gegen Verbiss sind nur die Monokulturen aus Fichten. "Wer zurück zu einem naturnahen Mischwald will, muss das Wild drastisch reduzieren", sagt auch Waldbesitzer Hatzfeldt. In seinem Revier findet deshalb ein- bis zweimal im Jahr eine große Gemeinschaftsjagd statt.

Bei solchen Jagden wird an einem einzigen Tag mehr Wild erlegt, als ein einzelner Jäger im ganzen Jahr schießt. Eine solche Jagd sei nicht nur wald-, sondern auch wildgerecht, erklärt Elisabeth Emmert. Denn nach der großen Störung am Jagdtag habe das Wild für den Rest des Jahres dann seine Ruhe.