Die Nachhaltigkeit dieses Erfolgs ist verblüffend. Nicht nur, dass sich der Roman Madame von Antoni Libera, obwohl schon vor knapp eineinhalb Jahren erschienen (Znak-Verlag 1998), nach wie vor gut verkauft. Er ist immer noch Anstoß und Ausgangspunkt öffentlicher und privater Diskussionen über Anstand und Würde, über Kleinmut und Kriecherei, Mitläufertum und Käuflichkeit im noch vor zehn Jahren real existierenden polnischen Kommunismus.

Der Erfolg geht nicht auf das Konto eines literarischen Neulings. Antoni Libera (Jahrgang 1949) hat beinahe alles, was aus der Feder Samuel Becketts stammt, seine Dramen, Essays, Gedichte, ins Polnische übersetzt, hat bei der Aufführung seiner Stücke im polnischen Fernsehen, an Warschauer, Londoner, Dubliner, New Yorker Theatern Regie geführt.

Irgendwann Mitte der Neunziger überkam die Beckett-Koryphäe Libera die übermächtige Lust, "ein wenig Freiheit zu genießen" und aus der abgehobenen, verzerrtverkrampften Welt des großen Iren Reißaus zu nehmen. Das Ergebnis dieses Befreiungsschlages ist ein spannend aufgebauter, amüsanter, weil hie und da mit einer Prise ironischen Humors gewürzter, halb autobiografischer Roman.

Er beginnt mit einer Offenbarung: "Viele Jahre lang ließ mich der Eindruck nicht los, ich sei zu spät geboren. Interessante Zeiten, außergewöhnliche Ereignisse, beeindruckende Persönlichkeiten - all das hat, nach meinem Empfinden, ein für alle Male ein Ende gefunden." So entfaltet sich der Gemütszustand eines 14-jährigen Jünglings, Schülers an einem renommierten Warschauer Gymnasium, just als die neue Direktorin der Schule, die zugleich Französischlehrerin ist, im Jahre 1966 seine Klasse betritt.

Eine solche Empfindung von Stillstand und Perspektivlosigkeit war im damaligen Polen Allgemeingut. Zehn Jahre zuvor vom Albtraum des Stalinismus befreit, doch mit subtileren Methoden längst wieder gleichgeschaltet und von Parteichef Gomulka wie ein Kleinbauernhof verwaltet, dämmerte das Land vor sich hin. Die Verdrossenheit war auch der Humus, auf dem die rasende Liebe des Schülers und Erzählers zu der 30-jährigen schönen Madame la Directrice gedieh.

"Sie unterschied sich eindeutig vom Rest der Lehrer, die grau, verbittert, langweilig waren, im besten Falle dem Mittelmaß verfallen. Sie kleidete sich elegant, trug ausschließlich Garderobe westlichen Ursprungs, hatte gepflegte Hände und versprühte den Geruch guten französischen Parfums um sich. Sie war stark und stolz, irgendwie unabhängig von der verkommenen, hässlichen polnischen Wirklichkeit, wie sie die Volksdemokratie wie in einem Anfall finsteren Irrsinns geschaffen hatte." Madame "lehnte mit ihrem ganzen Wesen diese Welt ab, brachte stillschweigend zum Ausdruck, dass es anders sein kann. Ich habe ihr zugestimmt. Ich sah in ihr den Polarstern."

Raus aus dem verhassten Polen will sie! Und der Preis?