Das Puschkin-Jahr 1999 ist um, eventreich in Russland, respektvoll begangen auch bei uns, wobei die vielen schönen neuen Publikationen nicht wirklich zum Leser durchgedrungen zu sein scheinen. In Raum sparenden Sammelbesprechungen ging manches unter oder fand nur knappe Erwähnung: etwa Michael Engelhards beeindruckende Neuübersetzung von Puschkins Gedichten oder Andrej Bitows fantasievolle Essaysammlung Puschkins Hase (beide Insel Verlag). Wer - jubiläumsmüde - abgewinkt hat, nehme sich ein Herz und greife zu den Büchern. Greife nicht zuletzt zu einem hellblauen Band mit Alexander Sergejewitschs Romanen, neu übersetzt von Peter Urban.

Eine schlicht bezaubernde Lektüre: Die Hauptmannstochter, Der Mohr Peters des Großen, Dubrowskij. Was Puschkin immer vorschwebte: ein Prosastil, der Kürze und Genauigkeit vereint, hier hat er ihn aufs schönste realisiert. Und nur allzu gern gibt man Gogol Recht, der 1846 Die Hauptmannstochter als "das entschieden beste russische Werk der erzählerischen Gattung" bezeichnete.

Entstanden ist es 1834, im selben Jahr, als Puschkin sein zweibändiges historiografisches Opus Geschichte des Pugatschowschen Aufstandes herausgab.

Die dokumentarischen Recherchen des Geschichtsschreibers - sie sind auch dem Romanschriftsteller zugute gekommen. Kaum ein Detail, das frei erfunden wäre.

Nur ist es so, dass man diesen "ersten Tatsachenroman der russischen Literatur" (Peter Urban) auch unberührt von Kenntnissen der russischen Historie lesen kann: als eine spannend erzählte Geschichte über Liebe und Zufall, über Revolution und Gerechtigkeit, über Schicksal und Gewalt. In Ich-Form berichtet der junge Gardesergeant Grinjow von den ungeheuerlichen Begebenheiten, die ihm zugestoßen sind. Kurz und bündig lassen sie sich so rekapitulieren: Das adlige Muttersöhnchen verlässt mit 17 das Elternhaus, um in Orenburg zu dienen. Unterwegs verspielt er gewaltige Summen, kommt im Schneesturm fast um, wird von einem unbekannten Wanderer gerettet, schenkt diesem aus Dankbarkeit seinen Hasenpelz. In der einsamen Festung Belogorskaja verliebt er sich in die stille Tochter des Kommandanten. Als Bauernrebell Pugatschow mit seinen Banden die Festung stürmt - wir zeichnen das Jahr 1773 -, rollen die Köpfe, die Hauptmannstochter Mascha wird zur Waisen, und Grinjow entgeht dem Tod nur durch den Umstand, dass sich Pugatschow als jener nächtliche Wanderer erweist, dem er den Hasenpelz vermacht hat. Er flieht - Mascha im Fieberwahn zurücklassend - zu den regulären Truppen nach Orenburg, das bald von den Aufständischen belagert wird. Eines Tages erreicht ihn die Nachricht, Mascha werde vom neuen Festungskommandanten bedrängt und zur Ehe gezwungen. Grinjow zögert nicht, das Unmögliche zu wagen, gerät dabei in die Hände der Aufständischen und wird zum dritten Mal mit Pugatschow konfrontiert, der sich zum persönlichen Retter des Mädchens macht. Mascha reist zu Grinjows Eltern, Grinjow selbst bleibt seinem Eid treu und kämpft, trotz unverhohlener Sympathie für den Rebellen, gegen dessen Banden.

Gleichwohl wird er des Ungehorsams angeklagt und vor Gericht gestellt. Nun ist es Mascha, die sich für ihn verwendet, indem sie bei Zarin Katharina II.

persönlich vorspricht. Das Ende der Geschichte erfahren wir vom fiktiven Herausgeber: Grinjow wird aus der Haft befreit, wohnt der Hinrichtung Pugatschows bei und heiratet die tapfere Mascha.