Aber etliche kannten ihn nicht. Wussten nicht, was gleich geschehen würde. Hockten behaglich um ihre Biere, schwatzten auch noch, als das Licht verlosch. Das Berliner Quasimodo ist ein Jazz-Wohnzimmer, ein Platz für vertraute Gefühle. AAAIIOOOHH!!, ein Weheschrei gellt durch die gute Stube.

Der da links auf der Bühne hat geschrien: Quiltman, ein baumhafter Indianer aus Oregon, dessen Wildgesang alsbald von drei weißen Männern via Gitarre, Orgel, Bass in ein Rootsrock-Reservat versetzt wird. Und dann erscheint der Big Chief. Schwarz das Gewand, das Haar, die Brille, die Stimme, die klingt, dass es dich überläuft, als spräche der Engel der Nacht: CRAZYHORSE, WE LISTEN TO YOU ... Der singt ja gar nicht, raunt nach dem dritten Stück das Nachbarmädchen seinem Freund ins Ohr. Nein, er singt nicht, er spricht, zwei Stunden lang: Geschichten von Glaube, Liebe, Sünde, Tod. Zum Schluss nimmt er die Brille ab, legt die Fingerkuppen auf sein Herz, verbeugt sich ganz leicht und geht. Wir müssen hinterher. Wann hat uns Rock 'n' Roll zuletzt derart durchs Leder gegriffen? Ich kann jetzt nicht sprechen, sagt er. Ich weiß die Zeit nicht, ich bin noch in Amerika, ich muss schlafen, ich muss morgen weiter. In drei Tagen kann ich sprechen, wo bin ich dann, in Hamburg.

Dies ist die Geschichte des Indianers John Trudell, der vor dem Hauptquartier des FBI ein Sternenbanner verbrannte und dafür mit vier Menschenleben zahlen musste. Geboren 1946 in Omaha/Nebraska, nahe dem Santee-Sioux-Reservat. Die Mutter starb, als er sechs Jahre war. Der Vater zog nach Arbeit umher. John wuchs zwischen Omaha und Reservat auf, bis er 17 war. Da hatte er bereits die High School abgebrochen und die ersten Gesetzeshändel hinter sich. Eins war abzusehen, sagt er. In meiner Nebraska-Umgebung hieß meine Zukunft Knast. Ich musste da raus. Ich ging zur Navy. Nach zwölf Stunden wusste ich: Das war ein Fehler. Ich hatte dann noch vier Jahre Zeit, diese Erkenntnis zu vertiefen.

Ich kriegte einen Haufen Ärger, ich wurde eingebuchtet, ich musste nachdienen, I was fucked up in a major way. Nach der Army College. Trudell schmiss hin, als er seinen Studentenjob an einen minder qualifizierten Weißen abtreten musste und zur Begründung hörte, so seien die Spielregeln, die er zu akzeptieren habe. Den summer of love 1969 vergammelte er, rauchte Pot und wartete auf den Anruf des Lebens. Es rief ihn nach Kalifornien, zur Indians of all Tribes Occupation of Alcatraz. Indianeraktivisten hatten die ehemaligen Gefängnisinsel in der San Francisco Bay besetzt, um die Probleme der native Americans öffentlich zu machen. Nicht nur die Medien kamen nach Alcatraz, auch die Bundesbehörden. Die Besetzer wurden als Militante diskreditiert. Sie selbst beriefen sich auf den Fort-Laramie-Vertrag von 1868: Wenn die Bundesregierung Land nicht mehr nutzt, falle es an die Ureinwohner zurück. Nach 19 Monaten wurden die verbliebenen Besetzer ausgehoben. Die Alcatraz-Aktion mündete in die Organisation des American Indian Movement. Trudell wurde Vorsitzender des AIM, ging als Aktivist nach Oklahoma und brachte es beim FBI auf eine Akte von 17 000 Seiten. Krieg, sagt Trudell, hat die Regierung gegen uns geführt. Sie sperrten uns ein, ihre Killerkommandos brachten uns um. Dieser versteckte Krieg hat uns genauso viel Opfer gekostet wie jeder frühere gegen uns. Wir bluten nur manchmal verschieden.

Sein Haus brannte, seine Familie starb

Er redet und raucht ohne Eile. Er sitzt gelassen, nur manchmal zucken die Augen. Es ist die Blaue Stunde dieses trüben Hamburger Nachmittags. Unterm Fenster wimmelt lautlos die Mönckebergstraße. Der Edelkellner des Hyatt-Hotels bringt den Cappuccino. Trudells Geschichte ist nicht von dieser Welt. Am 11. Februar 1979 führte John Trudell einen Protestmarsch vor den Sitz des FBI in Washington und verbrannte dort ein Sternenbanner. Zwölf Stunden später brannte Trudells Haus. Es starben sein Frau Tina, deren Mutter und seine beiden Kinder. Offiziell wurde das Feuer als "mysteriöser Unfall" klassifiziert. Trudell sagt: Es war ein Kriegsakt, Mord.

John, bereust du es?