Jan Ross verortet den Ursprung des Konservatismus im Denken der Gegenrevolution und identifiziert die Erbsündenlehre als dessen theologischen Kern. Den Namen Joseph de Maistre erwähnt er leider nicht, obwohl der savoyardische Aristokrat nicht nur den Begriff der "Gegenrevolution" prägte, sondern auch meinte, dass die Erbsünde "alles erkläre" und ohne sie "nichts erklärt werden" könne. Weil der Mensch zu schlecht sei, um frei zu sein, sah de Maistre im Henker "das Band aller menschlichen Zusammenschlüsse" und verteidigte die spanische Inquisition. Die katholische Lehre von der auch geschichtlichen Wirklichkeit und Wirksamkeit der Gnade blieb ihm hingegen fremd. Sein Werk belegt, dass der Konservatismus auf einer halbierten Theologie beruht, die nur allzu leicht zur Apologie schierer Gewalt wird.

Nicht zufällig erkannte Carl Schmitt in de Maistre einen historischen Ahnherrn seiner politischen Theologie und Isaiah Berlin einen Vorläufer des Faschismus. Auf der Suche nach einem Konservatismus mit menschlichem Antlitz entdeckt man wohl doch nur humane Masken.

Dr. Andreas Verhülsdonk Düsseldorf

Dass man mit der Bergpredigt keine Politik machen könne, es mit der Erbsünde aber müsse, ist meiner Meinung nach falsch. Vielmehr ist das Gegenteil richtig: Mit der Bergpredigt muss man Politik machen, denn sie ist jüdisch-christliches Urgestein der Bibel. Mit der Erbsündenlehre darf man keine Politik mehr machen, denn sie ist die christliche Interpretation einer biblischen Erzählung aus dem Alten Testament, die von jüdischer Seite so nicht mitvollzogen wird und die außerdem theologisch infrage steht. "In den Augen des Konservativen ist der Mensch tendenziell schlecht." Dieser Satz ist aufgrund der Erbsündenlehre ein anscheinend christlicher Satz, den es von der Bergpredigt aus kritisch zu hinterfragen gilt. Jan Ross fährt fort: "Oder weniger krass gesagt, der Mensch ist unvollkommen, schwach und leicht zum Bösen alleweil verführbar." Dies ist meiner Meinung nach ein jüdisch-christlicher Satz, der durch das biblische Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt gestützt wird und der theologisch nicht infrage steht.

Möglicherweise hat ja die sachliche Differenz dieser beiden Aussagen des Autors ihre Parallele in der Unterscheidung, die - für mich überraschend - Edmund Stoiber dieser Tage getroffen hat: Man müsse im Unionslager unterscheiden zwischen den "Wertkonservativen" und der "demokratischen Rechten". Für die Ersteren steht offenbar Angela Merkel, für die Letzteren zum Beispiel Volker Rühe. Die Wertkonservativen stimmen demnach zu, dass der Mensch unvollkommen und schwach ist, wie es die Bergpredigt lehrt. Die "demokratische Rechte" (ein Begriff, der mir neu war!) dagegen hält es mit der tendenziellen Bosheit und stützt sich auf die Erbsündenlehre.

Hartwig Schulte Lienen