Harald Sibort * ist stolz auf sich. Er schafft es ganz allein, einmal im Monat mit der Bahn von Euskirchen in der Voreifel nach Bonn und wieder zurück zu fahren, um seine Mutter zu besuchen. Was für jeden anderen 36-Jährigen selbstverständlich ist, stellt für den gelernten Elektroinstallateur eine besondere Leistung dar. 1995 hat er einen seelischen Zusammenbruch erlitten

zwei Jahre nach seiner Scheidung und ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters begann er, unter heftigen Angstattacken zu leiden. Er traute sich nicht mehr aus dem Haus, hörte immer wieder Stimmen, fühlte sich bedroht und sah im Spiegel jemanden, den er nicht kannte. Er war "ein Häufchen Elend", sagt Rita Schnurr, seine behandelnde Ärztin für Psychiatrie und Neurologie an den Rheinischen Kliniken in Bonn.

Siborts Psychose ist noch nicht geheilt, doch es geht ihm heute deutlich besser. Er hat gefunden, wonach er sich sehnte: Schutz und Menschen, die sich um ihn kümmern - eine Familie. Seit zweieinhalb Jahren lebt er bei Euskirchen zusammen mit dem Ehepaar Sandmann. Als seine Ärztin ihm anbot, am Programm der psychiatrischen Familienpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) teilzunehmen und vom Krankenhaus in eine Pflegefamilie zu wechseln, war er begeistert. "In der Klinik war alles so trostlos, ich konnte mich nirgends zurückziehen." Jetzt bewohnt er zwei eigene Zimmer, in denen er ungestört Asterix-Hefte schmökern oder Videos gucken kann. Er bastelt Modellflugzeuge und war mit seinen Pflegeltern schon im Spanienurlaub. Er nimmt weiter Beruhigungsmittel und Antidepressiva, doch die Dosen werden kleiner.

Für fast 600 seelisch Kranke in Deutschland sind Pflegefamilien zur neuen Heimat geworden. Meist leiden diese Patienten an "Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis", wie es Rita Schnurr beschreibt, doch auch andere Kranke lassen sich in Familien betreuen, etwa Manisch-Depressive. "Nicht in Frage kommt die Methode eigentlich nur bei sehr aggressiven Patienten und bei extrem Süchtigen", schränkt die Ärztin ein.

Nach Ansicht von Heinz Häfner, Leiter der Schizophrenieforschung am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, kommen längst nicht alle Patienten für eine familiäre Pflege in Frage. Wenn aber jemand in einer Familie leben könne, dann sei es "unverantwortbar, ihn in der Klinik zu halten". Die Vorteile des Konzepts: Statt in Kliniken oder Pflegeheimen mit anderen Kranken auf engem Raum in einem kaum beeinflussbaren Tagesrhythmus zu leben, verbringen die Pfleglinge ihre Zeit gemeinsam mit gesunden Menschen und werden mit alltäglichen Freuden und Sorgen konfrontiert. Zur Kontrolle gehen sie weiter regelmäßig ins Krankenhaus, umgekehrt kommen Ärzte und Sozialarbeiter zu Hausbesuchen. Entscheidend ist, dass auch die Pflegefamilie betreut wird - besonders die Pflegemutter. "Sie verausgabt sich oft, weil sie den Patienten unbedingt etwas Gutes tun will", erklärt Schnurr.

Nach Angaben der Bonner Ärzte verlaufen drei viertel aller Versuche, Kranke in Familien einzugliedern, erfolgreich. "Die Patienten waren entweder langfristig und bei erhöhter Lebensqualität in die Familien zu integrieren, oder sie konnten auf ihren Wunsch in eine selbstständigere Wohnform entlassen werden", fasst die Ärztin zusammen. Letzteres ist das Ziel vor allem bei jüngeren Patienten, die neuerdings verstärkt in Familien vermittelt werden und dort üblicherweise zwei bis drei Jahre bleiben. Als Faustregel gilt: Je jünger der Patient, umso früher verlässt er die Familie wieder.

Vor allem zwei Psychiatrieprofessoren ist es zu verdanken, dass Sozialhilfeträger wie der LVR in Köln oder der Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern Pflegeprogramme unterstützen: Tilo Held, Leiter der Rheinischen Kliniken in Bonn, und Paul-Otto Schmidt-Michel, Chefarzt des Zentrums für Psychiatrie in Weißenau bei Ravensburg. Held brachte seine in Paris gewonnenen Erfahrungen mit dem Rehabilitationskonzept Anfang der achtziger Jahre mit nach Bonn.