Es gehört zu den Eigenheiten der Regierung Schröder, dass sie das Publikum seit eineinhalb Jahren im Unklaren darüber lässt, wohin die Reise in Sachen Umweltpolitik geht. Die Strompreise fallen, die Bahn verliert Kundschaft, der Flächenfraß schreitet voran. Deutschland, einst internationaler Vorreiter beim Umweltschutz, gehört heute eher zu den Nachzüglern - und das ausgerechnet unter Rot-Grün. Hatten nicht Sozialdemokraten und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag noch geradezu weise die "ökologische Modernisierung" angekündigt, obwohl das Wahlvolk auch damals schon andere Sorgen plagten als die Überlebensfragen der Menschheit?

Vergessen. Es regiert der Populismus. Engagement zeigt Rot-Grün einzig beim Prestigeprojekt Atomausstieg - wegen des Widerstandes der Meilerbetreiber und der nuclear community allerdings bisher ein zähes Unterfangen.

Nun stärkt ein unverdächtiges Gremium der Berliner Regierung wenigstens in diesem Punkt noch einmal den Rücken. Ohne Wenn und Aber spricht sich der Sachverständigenrat für Umweltfragen dafür aus, die Kernkraftwerke nach rund 25 bis 30 Jahren stillzulegen. Insbesondere wegen der ungelösten Entsorgungsfragen halten die sieben Umweltweisen, zu denen auch der keineswegs als Technikfeind bekannte TÜV-Manager Eberhard Plaßmann gehört, die Nuklearenergie schlicht "für nicht verantwortbar": Pluspunkt für Rot-Grün im Clinch mit den Atomkonzernen.

Das ist aber schon fast das Einzige, womit das Umweltgutachten 2000, das dieser Tage Jürgen Trittin ausgehändigt wird, die Regierung Schröder erfreut: Schließlich ist vom versprochenen ökologischen Aufbruch tatsächlich nichts zu spüren, schließlich blieb auch den Ökoweisen nicht verborgen, dass es sogar innerhalb der Bundesregierung an einem Konsens über den Stellenwert der Umweltpolitik mangelt. Kein Wunder, dass sie unausgegoren und allzu zaghaft daherkommt - trotz Ökosteuer, trotz der beschlossenen Förderung von Strom aus Sonne und Wind.

Immerhin ringt sich die Regierung, noch im Verborgenen und während die Legislaturperiode unerbittlich ihrer Halbzeit zustrebt, gerade zu einer nationalen Strategie für nachhaltige Entwicklung durch. Ein Ausschuss von Staatssekretären soll sie erarbeiten, ein vom Kanzler berufener Nachhaltigkeitsrat soll ihn dabei beraten. Auf der Agenda steht nicht nur die intelligente Verknüpfung von Ökonomie und Ökologie - sondern auch die letzte Chance, rot-grüner Umweltpolitik den Grauschleier zu nehmen.