Künstler, so könnte man meinen, haben nur für die Käufer, die Erben, die Museen gearbeitet. Vor allem in den Fällen, in denen der Marktwert eine ansteigende Kurve ist und jeder ihrer ideellen oder leiblichen Nachfahren meint, im Sinne des großen Verblichenen zu handeln - ein hoher Anspruch, hinter dem sich im Zweifelsfall eine noch höhere Geldsumme verbirgt. Um den Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer, auch ihm ging in der Nazizeit eine Karriere kaputt, gibt es immer mal wieder kleine Kräche, in denen sich normalerweise seine Tochter und sein Enkel mit der Staatsgalerie Stuttgart, die das Schlemmer-Archiv betreut, zusammenfinden. Nun aber ist der Ernstfall eingetreten. Die Familie hat den Stiftungsvertrag gekündigt, weil sie sich von der Staatsgalerie bei dem Bemühen, Dokumentarisches zu klären, hintergangen fühlt. Der Streit hat sich an Schlemmers berühmtem Bild Bauhaustreppe entzündet, das vom New Yorker Museum of Modern Art für die Berliner Jahrhundertausstellung ausgeliehen war. Die Familie wollte den Rücktransport verhindern, um die Besitzerfrage zu klären, das Bild aber in jedem Fall zurückzusenden - wenn auch im vielleicht neuen Status der Dauerleihgabe. Die Bauhaustreppe wurde 1933 vom Architekten Philip Johnson für das Museum erworben - für 1200 Mark, die im ersten Telegramm genannten 12 000 Mark wurden von Johnson zum Missverständnis heruntergehandelt, das Geschäft wurde ohne Kaufvertrag gemacht. Alles nicht gerade edel angesichts eines verzweifelten, unter Druck handelnden Künstlers, und noch unverständlicher ist es, dass der greise Stararchitekt auch heute kein klärendes Wort sagt. Die involvierten Museen (das Bild ist wieder in New York) halten schweigend zusammen, schließlich will man den Leihverkehr nicht gefährden. Die Familie glaubt, dass Kunst eine Frage der Genealogie ist. Alle handeln so, wie sie es tun, weil Oskar Schlemmers Bauhaustreppe, 161 mal 113 Zentimeter groß, heute auf circa fünf Millionen Mark taxiert wird.