Schöner beben

In André Bretons Erzählung Nadja gibt es diese verrückte Autofahrt mit der Geliebten, bei geschlossenen Augen und durchgedrücktem Gaspedal. Wir erkennen darin eine der vielen Metaphern, die der Surrealismus für die Eroberung des Zufalls erfunden hat, für das Wagnis des Sinnlosen, das gekoppelt ist mit dem Extremismus des Begehrens, mit einer Lust, die das Letzte will, einer Falte am Saum der Ewigkeit.

Marcus Braun zitiert mit seinem Roman Nadiana schon im Titel jene imaginäre Muse des Surrealismus, und tatsächlich schickt auch er seinen liebesgequälten Helden auf schnelle Fahrt mit ihr. Ein Cabrio, eine Sternennacht, das Lenkrad für Sekunden losgelassen, danach eine kleine Philosophie des Unfalls: "Und das Herrlichste geschieht mit der Zeit, die sich dehnt und zusammenzieht, wie es unserem geschockten Gehirn gefällt. Die letzten Möglichkeiten der Wahrnehmung, sage ich laut zu Nadja, während ich den Wagen in einer Idealkurve beschleunige, zeigen sich ohne eigenes Zutun."

Wenn der Roman es schon nicht erlauben will, ihm von einem Handlungsfaden her beizukommen, an Hinweisen zu seinem Bauplan fehlt es nicht. Das Schrecklichste, so dürfen wir die obige Sequenz umformulieren, geschieht mit der Zeit, die sich dehnt und zusammenzieht. Ein Liebespaar sitzt zu Beginn in einem Zugabteil von Paris Richtung Osten, womöglich nach Berlin. Ihm gegenüber sitzen ein Ehepaar und eine Figur mit Namen Stroheim, die zeichnet und Aufzeichnungen anfertigt. Den Liebenden ereilt die Eifersucht wie ein Schock. Ein Unfall des Gefühls, ein Umkippen, ein Überschlag macht ihn zu einem von Eifersucht durchrauschten Nervenbündel. Die Füße Nadjas und Stroheims haben sich berührt. Steht da nicht "Nadja" zu Beginn der Aufzeichnungen des Fremden? Ist er überhaupt ein Fremder? Woher der Name? Und wieso dieser erste Satz: "Vermutlich treffen wir Stroheim auf der Rückfahrt"?

Wir haben in dieser ersten Szene zwar eine initialisierende Situation, die den Eifersuchtswahn auslöst. Dieser Wahn aber dehnt die Zeit und zieht sie zusammen, legt sie in Falten, sodass die Gegenwart dieses Anfangs zugleich in eine vergangene Zukunft gelegt erscheint.

Der Roman ist also ein paranoides Zeitspiel. Er lässt uns unter permanenter Berufung auf die Turbulenzen der wahnhaften Erregung völlig im Unklaren über Orte und Ordnungen, Her- und Zukünfte, ja über die Figuren selbst, die sich schließlich wechselseitig projizieren und erfinden. Vielleicht erfindet Rosenbaum - so heißt der gequält Liebende - jenen Stroheim mit derartiger angsterfüllter Intensität, dass dieser wiederum jenen Rosenbaum erst erfindet, der mal "ich" sagt, mal "wir", oder von dem eben in der Er-Form als Rosenbaum die Rede ist. Es versteht sich, dass es keinen durchgehenden Erzähler geben kann, wenn sich die Figuren selbst erfinden - und sogar auslöschen.

Apropos auslöschen: Nachdem ein Frederic, ein junger Mann vom Theater, einmal benannt ist im Roman, darf er sich als Figur in verschiedene Szenen mischen, bekommt schließlich auch eine Erzählstimme, um auf diese Weise die Zweifel daran zu säen, ob Rosenbaum und Stroheim und sogar Nadja, jenes verzerrte Opfer männlichmonströsen Begehrens, überhaupt existieren.

Wir wollen den kompliziert verdrehten Fäden des Romans nicht in allen Richtungen folgen, vermögen es auch nicht, da Marcus Braun schlau genug ist, seine rätselhaften Arrangements, mal traumschwer, mal tüftel-logisch, in einer Ambivalenz zu halten, die sich der Auflösung verweigert. Widersprüche stören ihn dabei am wenigsten. Aber dass bei der Lektüre letztlich immer nur unsere analytische Kompetenz gefordert ist, und kein einziges Mal unsere Bereitschaft zur Empathie, dass wir dauernd in Worten rechnen und uns kein einziges Mal verlieren in Worten, Gefühlen und Taten, das wiederum rechnen wir einer fundamentalen Schwäche des Romans zu.

Schöner beben

Man kann diesen Befund auch im oben zitierten Bild ausdrücken: Der Unfall des in sternenklarer Nacht dahinrauschenden Liebespaares ist nur eine Idee.

Tatsächlich läuft das offene Gefährt aber auf einer Idealbahn dahin, welche heißt, die Logik des Eifersuchtswahns an die Oberfläche holen, das Geheimnis offenbaren.

Marcus Braun holt hervor, was Bildung und Intelligenz hergeben. Er zitiert und paraphrasiert unentwegt: Breton und Nabokov, Schnitzler und Kleist, Augustinus und Descartes, Lewis Carroll, Alexander Puschkin und Ernst Jünger ... Er hat die Botschaft internalisiert, dass da keine Substanz ist außer in Rhythmus und Wiederholung. Also strukturiert das Retardierende der Wiederholung den Roman. Nur in der Wiederkehr bekommt, was zufällig scheint, Dichte. Man muss sich also all die Sentenzen anstreichen, die mehrmals im Roman auftauchen, das heißt, man muss ihn zweimal lesen.

Anstatt uns die das Leben umorganisierende Eifersucht bei ihrer dekonstruktiven Arbeit zu zeigen, zeigt er uns eine literarische Technik, die dazu in der Lage wäre, würde ihr denn der richtige Stoff zugeführt.

Der Eifersüchtige reißt alle Information hinein in seine totalitäre Weltinterpretation. Tatsächlich gelingt es dem Roman nur einmal, solch ein ergriffenes biografisches Detail für ein paar Seiten kommentarlos stehen zu lassen: In den Szenen aus der Jugend Nadjas, wo diese mit einem Lkw-Fahrer anbändelt, sich zu fremden Autofahrern setzt und auf Kirmesplätzen herumstrolcht merkt man für einige Minuten, wie die Gefräßigkeit des pervertierten Begehrens das Leben verschlingt.

In seinem vor einem Jahr publizierten Roman Delhi hat Marcus Braun eine politische Paranoia vor dem Hintergrund einer Krimihandlung in Indien inszeniert. Auch dort erzeugt er das Gefühl, dass alles mit allem im surrealen Grunde unerklärlich zusammenhängt. Es ist ein durchaus ironisches Spiel mit Genreklischees und Textkonstruktionen, das in einer sinnlich präsenten Romanlandschaft wirkt. In Nadiana ist dieses Spiel jetzt unstofflich und selbstbezüglich geraten: eine groß angelegte leere Volte, eine formale Textetüde zum Thema Eifersucht.

Aber es ist, "Gott sei Dank", möchte man sagen, chronologisch umgekehrt: Nadiana ist der zuerst geschriebene Roman. Nur wollte ihn der Berlin Verlag zunächst nicht drucken, seinen Autor jedenfalls nicht mit ihm vorstellen. Das lässt einerseits hoffen, dass sich das unzweifelhafte Talent Marcus Brauns von Delhi aus weiterentwickelt. Andererseits möchte man als genervter Leser auch gerne fragen, ob es denn sein muss, dass nach einem gleichwohl noch von konzeptioneller Schwere belasteten Roman wie Delhi, der eine gewisse Anerkennung in der kritischen Öffentlichkeit gefunden hat, ob man also nach einem solch beachtlichen Debüt sogleich die literarischen Anfänge eines Autors nachliefern muss. Wenn die Befürchtung gewesen sein sollte, Nadiana sei zu sperrig für den ersten Auftritt, dann ist mit der jetzigen Veröffentlichung schlicht eine Enttäuschung entstanden. Es ist nicht der einzige Fall.

Schöner beben

Marcus Braun markiert mit seinen beiden Romanen eines von zwei Extremen in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft. Gegenüber den so genannten neuen Erzählern formieren sich die raffinierten Textbastler und scheuen offenbar die Zugeständnisse an jene unverschämte Imaginationsarbeit, die sich einem populären Unding wie dem "realen Leben" verschreibt. Doch nur dort, wo sich beides verzahnt, tut es weh, wird es schön. So wie die Eifersucht, wenn sie ihre Wutarbeit zwischen den Personen tut und nicht nur im literarischen Kunstkopf. Doch wieso überhaupt schön? Breton hat es gesagt: "Die Schönheit wird wie ein BEBEN sein, oder sie wird nicht sein."

Marcus Braun:

Nadiana

Roman

Berlin Verlag, Berlin 2000

173 S., 29,80 DM