Leipzig feiert Leipzig. Johann Sebastian Bach, das "worldwide label", ist im Jubiläumsjahr überall präsent - in den Konzertsälen, als Luftskulptur über dem Gewandhaus oder als Schokotaler. Aber auch die Oper feiert sich selbst: Seit zehn Jahren ist Udo Zimmermann (den sie hier alle nur "Professor Zimmermann" nennen) Intendant der Oper Leipzig. Und er ist ein Fuchs. Er verpasste dem Haus eine tolle Grafik, lenkte stets im richtigen Augenblick die richtige Aufmerksamkeit auf sich - und damit ziemlich erfolgreich von allem Operngrau ab. Die Stockhausen-Uraufführungen Dienstag und Freitag aus LICHT, Willi Deckers Tristan, István Szabós Boris Gudonow oder Dieter Schnebels Majakowskis Tod dürfen hier getrost als Leuchtraketen des Repertoires gelten. So weit, so geschickt.

Neun von diesen zehn Jahren hat Zimmermann nach eigenem Bekunden darauf verwendet, Andrea Breth zur Oper zu überreden. Ob Breth nun nicht konnte oder nicht wollte, ob sie als künstlerische Leiterin der Schaubühne Berlin schlicht keine Zeit hatte oder doch zu viel Angst vor der Musik - sie zögerte, lange. Und über die Grenzen Leipzigs hinaus wuchs die Erwartungshaltung an ihre erste Opernregie.

Jedoch ist nun von einer herben Enttäuschung zu berichten. Andrea Breths Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice fasst die azione teatrale per musica mit Glacéhandschuhen an - worauf sie ihr buchstäblich zwischen den Fingern zerbröckelt. Gewiss, man darf Gluck nicht an Mozarts Menschentheater messen. Die dramatischen Physiognomien seiner Figuren erscheinen noch wie in einen Kokon eingesponnen, wie verpuppt in die klassische Bringschuld. Natürlich grenzt er sich programmatisch auch von Händel ab, von staatstragenden Gelüsten und den grellscheckigen Affekten der Barockoper, die uns die Regisseure heute, im Zeitalter postpubertärer Pop-Art, so vertraut machen. Gluck ist ein Mann des Umbruchs, einer, der auf alle "überflüssigen Zierrate" pfeift und mit seinem Reformwerk der bürgerlichen Gesellschaft - ohne dass diese es recht wüsste - den Boden bereitet. Der heilige Ernst macht seine Stücke so disparat. Eine Chance für jeden Verfremdungskünstler.

Kunst ist männlich und fordert das Frauenopfer

Bei Andrea Breth beginnt Orfeo ed Euridice als Nachtstück, mit schwankenden Gestalten in einem ausladend düsteren Treppenkabinett, und endet knapp 90 Minuten später vor einem frühromantischen Rundhorizont: Wie Caspar David Friedrich persönlich steht Orfeo, der mythische Sänger, oben im Schattenriss, schlägt sich den Mantelkragen hoch und stiert ins weite, leere Blau. Er, dessen Stimme einst Steine erweichen, Furien befrieden und Tiere wie Pflanzen betören konnte, scheint aller Macht beraubt, denn - Euridice, die Totgeglaubte, lebt.

Kunst oder Liebe, das ist die Frage, die Breth Gluck unterstellt. Nur eine tote Euridice ist für ihn eine gute Euridice. Nur die Trauer, nur das Leid am eigenen Leid gebiert Gesang. Also hockt Euridice am Ende, zum Klischee ihrer selbst geronnen, auf einem riesigen gläsernen Notenpult und presst sich eine antike Lyra in die Seite. Der kleine Amor aber, der sie - unter Orfeos deutlicher Missbilligung! - von den Toten auferweckt, mimt munter den Maestro von morgen. Richtig süß, wie er da in seinem kleinen Frack auf der Treppe sitzt (ein leider namenloser Solist des Tölzer Knabenchores mit bewundernswert sicherem, gehaltvollem Sopran) und mit Ivor Bolton, dem Dirigenten des Abends, um die Wette fuchtelt. Süß und fies zugleich. Denn einerseits "fuchtelt" Bolton natürlich nicht, sondern lehrt das Gewandhausorchester mit Inbrunst echte Originalklangmanieren: So fahl, ja so mürbe und gebrochen in den Farben, so elegant in der Phrasierung hat man diese Musiker selten spielen gehört. Rhetorik ist eben keine Frage von Darmsaiten. Schade, dass die Akustik des Leipziger Opernhauses vieles verschleiert.

Und andererseits ist es dies, was Breth, wenn überhaupt, dem lieto fine in der Wiener Fassung der Oper von 1762 als Botschaft abgewinnt: Kunst ist männlich und fordert, im Mythos wie auf dem Theater, das Frauenopfer. Wo ihr diese Inspirationsquelle fehlt, versiegt sie, endet alle Oper. Deshalb bedeckt Orfeo seine Geliebte, kaum dass sie ihr letztes "io moro" ausgehaucht hat, mit losen Notenblättern (übrigens eines der raren, sinnlich-sinnfälligen Bilder dieser Aufführung)