Herr X. ist ein Sammler in H., der nicht genannt und gekannt sein möchte.

Damit unterscheidet er sich von den meisten anderen lebenden Sammlern, zum Beispiel einigen Herren aus B. und K. und S., die gern erkannt und geschätzt werden. Herr X. ist ein Enkel von Herrn Y., der zu den großen Sammlern gehörte, die im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts die Kunst in singulären Kollektionen zusammenführten und in ihren weitläufigen Villen zum Lebenshintergrund machten. Vorbei, kaputt, der verhinderte Künstler Adolf Hitler ließ enteignen und zerstören. Herr X. aber erbte vom Großvater eine erfreuliche Zahl bedeutender Goya-Blätter, und diese wurden zum Beginn seiner eigenen Sammlung. Unter dem Titel Surreale Welten wird sie jetzt in der Hamburger Kunsthalle zum ersten Mal öffentlich gezeigt (bis zum 7. Mai, Katalog 45,- DM). Zwei Merkmale sind es, die sich zum Charakteristikum dieser Sammlung fügen. Da ist zum einen die Tatsache, dass alles, was hier zwischen Goyas Caprichos und Hans Bellmers Die Puppe zu sehen ist, im Haus des Sammlers Platz hat, auch wenn dieses nicht mehr eine Villa, sondern ein Vororteigenheim ist. Zum anderen ist da die mit Goya begründete Faszination für die Kunst des doppelten Blicks, für die "Brunnengräber der Seele" (Werner Hofmann), die in den surrealen Welten die Realität entlarvten und gleichzeitig verschleierten. Mit Piranesis Carceri-Radierungen, die den Auftakt der Ausstellung bilden, ist Goya auf das untergründigste ergänzt, das brüchige Fundament im Bodenlosen gelegt. Von Odilon Redon und Max Klinger über Max Ernst und Paul Klee (die 32 Blätter sind eine Sammlung in der Sammlung), Magritte und Dubuffet bis hin zu Wols und Hans Bellmer fügt sich dann, 230 Exponate aus 50 Sammlerjahren, die Spur einer Kunst, die sich der eindeutigen Transskribierung ebenso entzieht wie Herr X. den Blicken des Publikums.