Verschüttete Aufklärung

Am 11. April 1987 stürzte der seit einiger Zeit international gefeierte 67-jährige Schriftsteller Primo Levi im Treppenschacht seines Turiner Hauses in den Tod. Er hatte in den vorhergehenden Monaten, als er von der Pflege seiner bettlägerigen Mutter stark in Anspruch genommen war, unter Depressionen gelitten. Freunden gegenüber bestritt er, dass sein seelischer Zustand etwas mit seinem Jahr in Auschwitz zu tun hätte. Doch sofort drängte sich weltweit die Überzeugung auf, der Autor des berühmtesten Auschwitz-Buches habe Selbstmord begangen, Hitler habe ihn sozusagen eingeholt.

Nun ist aber die Selbstmordthese keineswegs erwiesen, und vieles spricht gegen sie. Primo Levi stand auf der Höhe seines Ruhms, auch sein späteres Werk wurde gelesen und gelobt, er hatte Pläne und konnte sich uneingeschränkt dem Schreiben widmen, seit er nicht mehr als Chemiker wirkte. In einem Artikel vom 7. August 1999 hat Diego Gambetta in der New York Times die Argumente gegen die Selbstmordtheorie überzeugend dargelegt: Levi hinterließ keinen Abschiedsbrief. Seinem Arzt hatte er einige Tage vorher noch gesagt, er sei müde und leide unter Schwindelanfällen, als Folge einer drei Wochen vorher überstandenen Operation.

Außerdem nahm er Medikamente ein, die als Nebenwirkung Schwindel verursachen können. Das Treppengeländer in dem Haus ist niedrig und reichte ihm gerade bis zum Bauch. Wenn er sich vornüber beugte, um besser zu sehen, wer kam oder ging, hätte er leicht das Gleichgewicht verlieren können. Der Treppenschacht ist, wie Gambetti ihn beschreibt, ziemlich eng und enthält den Aufzug. Levi fiel zwischen Aufzug und Wand so unglücklich (oder glücklich, wenn er tatsächlich den Freitod gewählt hatte), dass er sofort tot war. Doch war dieses Resultat schwer im Voraus zu kalkulieren. Und für einen gelernten Chemiker wäre Vergiftung sowieso eine näher liegende Methode gewesen.

War's Zufall oder Absicht? Mir scheint die Unfalltheorie auf festeren Füßen zu stehen. Das Beweismaterial ist auf jeden Fall unzureichend, um als Grundlage für eine Deutung dieses Todes und schon gar nicht dieses Lebens zu dienen.

Warum ist das wichtig? Erstens ist es immer wichtig, wie, wann und wo ein Mensch stirbt, wie alt er wird und wo seine oder ihre Laufbahn zu Ende geht.

Zweitens passt Selbstmord allzu leicht in eine gängige Vorstellung der angeblich fürs ganze Leben angeschlagenen Opfer der KZs. Da werden einzelne Parallelfälle angeführt, als hätten sie Allgemeingültigkeit. Sogar der Selbstmord Bruno Bettelheims, der in hohem Alter einer unheilbaren Krankheit ein Ende setzte, wird herangezogen. Ignoriert wird die statistische Tatsache, dass die meisten Überlebenden nach dem Krieg nützliche, verantwortliche Leben führten, Familien gründeten und niemandem zur Last fielen. Gerade der Erfolg der Überlebenden in der Nachkriegswelt legt Zeugnis ab gegen den Wahn des Untermenschentums und rechtfertigt die Trauer um die Untergegangenen.

Das moralische Chaos beobachten

Verschüttete Aufklärung

Drittens aber war Levi ein besonderer Fall: Mehr als jeder andere war er die Stimme der Ratio, des vernünftigen, aufgeklärten europäischen Juden, der sein inneres Gleichgewicht auch unter den schwierigsten Umständen beibehielt. Die Bücher, die ihn berühmt machten, Ist das ein Mensch? und Die Atempause, sind gerade deshalb so ansprechend, weil in ihnen ein Standpunkt zu Worte kommt, der in der europäischen Kultur, und besonders in der italienischen, verankert ist und das moralische Chaos beobachtet, ohne innerlich hineingerissen zu werden. Andere Überlebende haben Ähnliches versucht - Bruno Bettelheim, Viktor Frankel -, aber ihre Bücher sind einseitiger und vor allem arroganter.

Levi war niemals arrogant.

Anissimovs Biografie ist eher ein Sammelsurium an Material als ein ausgewogenes Werk, aber ein roter Faden ist ihre feste, auch nicht im Geringsten angezweifelte, geschweige denn dokumentierte Voraussetzung, Levi sei letztlich ein Opfer seines Aufenthalts im Vernichtungslager gewesen.

Nirgends unterlässt sie es, daran zu erinnern, dass sie das Leben eines Selbstmörders erzählt, und verirrt sich dabei ganz folgerichtig in die Niederungen der Vulgärpsychoanalyse, wo man auf die ehemaligen Häftlinge als psychisch gestörte Menschen hinabschaut. Zum Beispiel: "Der stille Vorwurf der großen Zahl von Untergegangenen löst eine tiefe Angst in ihm aus."

Ängstlichkeit und Aberglauben? Levi war der Erste, der vor solchen Vereinfachungen der Trauer warnte. Oder, über die humane Sorge des Sohnes um die sterbende Mutter: "Selbst in diesem senilen Zustand verkörperte sie noch einen letzten Schutz vor der Welt, die trotz seiner Wissenschaftsgläubigkeit für ihn etwas Barbarisches und Rätselhaftes hatte." Warum soll denn kindisch-neurotischer Egoismus die Quelle des Pflicht- und Mitgefühls bei einem bewundernswerten Menschen sein? Dann können wir ja gleich die Wörter Selbstlosigkeit und Altruismus aus unserem Wortschatz streichen.

Gerade die Eigenschaften, die Levis Werk so unvergesslich machen - stilistische Disziplin, Logik, kurz, der Geist der Aufklärung im Reich der organisierten Unvernunft - fehlen dieser Biografin, die sich hin- und herreißen lässt, von einem Thema zum anderen übergeht, oft anscheinend nur ihren eigenen Vorlieben folgend, wie, wenn sie seitenlang über das Werk von Hans Jonas schreibt, dessen theologische Überlegungen zum Holocaust sich nirgends mit Levis an der exakten Wissenschaft trainiertem Gei st decken. Ein einseitiger Blickpunkt bestimmt die Nachwirkungen des KZs einerseits, der dem komplexeren Denken Primo Levis nicht gerecht wird, andererseits eine Fülle von unnötigen Details, die keinen Einblick in irgendetwas gewähren. Hier eine Aufzählung von geschichtlichen Fakten, die man sich besser anderswo beschafft, dort eine unsinnige Anzahl von Namen, die für den Leser bedeutungslos sind. Und sogar ein Hund kommt vor, der den jungen Levi bei einem Ausflug bis zum nächsten Dorf begleitet hat.

Es herrscht kein Auswahlprinzip. Was daherkommt, darf hereinspazieren, und das Buch ist dementsprechend ermüdend. Und das über einen Autor, der mit Genugtuung meinte: "Meine Bücher enthalten nichts Überflüssiges!" Nur an einzelnen Stellen, vor allem im Auschwitz-Kapitel, wird diese Anhäufung interessant, denn da erstellt Anissimov aus den verschiedensten Quellen einen lesenswerten, wenn auch keinen originellen Hintergrund für Levis kompaktes Werk.

Verschüttete Aufklärung

Die Verwandtschaft von Chemie und Schriftstellerei

Ein Buch von solcher Länge bietet selbstverständlich auch Informationen, die sonst nicht leicht aufzutreiben sind. Die Autorin hat sich Mühe gegeben, hat viele Menschen interviewt, die Levi gekannt haben, und sehr fleißig, wenn auch nicht unbedingt sehr gründlich, recherchiert. Man lernt von ihrem Werk zweifelsohne viel über Levis äußere Umstände, aber das letzte Wort ist hier noch lange nicht gesprochen. Wie man hört, sind zwei weitere Levi-Biografien in Vorbereitung. Man darf hoffen, dass sie leserfreundlicher sein werden als die vorliegende.

Die von Marco Belpoliti herausgegebenen Interviews und Gespräche sind hingegen ein reines Lesevergnügen. Nicht dass das Niveau in allen Teilen gleich hoch ist: Wenn die Interviewer dumme Fragen stellen ("Was vermag Sie tief anzurühren?", "Wovor haben Sie Angst?"), so bekommen sie banale Antworten. Doch in der Hauptsache hatte Levi Glück mit seinen Gesprächspartnern, die selber zum Gespräch beitrugen und nicht einfach eine Pumpe ansetzten, um das Objekt auszusaugen.

Und da erweist sich Levi als der lebhafte, differenzierende, unverwechselbare Neoaufklärer, wenn man so sagen darf, der er war. Er spricht über seine Liebe zu Italien und ebenso über seine Kritik an dem Land

über die Verwandtschaft von Chemie und Schriftstellerei ("Ein Chemiker, der sich nicht auszudrücken versteht, ist ein schlechter Chemiker")

über Isaak Babel: "Die Verzweiflung, die wir bei Babel finden, ist postumer Natur, das heißt, sie wird ihm zugeschrieben ... weil er umgebracht wurde", ein Satz, der sich mit leichter Änderung auch auf seinen eigenen Fall anwenden lässt. Über Kafka, dessen Prozeß er ins Italienische übersetzt hatte: "Ich fürchte ihn wie eine große Maschine, die dich niederwälzt, wie den Propheten, der dir dein Todesurteil verkünden wird."

Er differenziert zwischen Gulag und deutschem KZ und zwischen Terrorismus und vom Staat angezettelten Verbrechen. Über seinen eigenen Stil sagt er, dass ihn "meine Leser besser kennen als ich, wie es mit dem eigenen Profil der Fall ist". Man lernt einen klugen, sympathischen Menschen kennen und stößt wiederholt auf Sprüche, die man sich merken möchte.

Verschüttete Aufklärung

Als der Krieg vorbei war und andere auf die Suche nach ihrem verlorenen Gott gingen, da ging er auf die Suche nach der verschütteten, aber nicht verlorenen Aufklärung und fand sie und verlor sie und fand sie wieder, und wo andere den ganzen Begriff der Aufklärung als historisch überholt verwarfen, glaubte er an sie, weil er sich als ihr Kind sah. Daraus entstand sein Werk.

"Die Pflicht zu hoffen und die Pflicht, nicht zu vergessen, sind weder Synonyme noch Gegensätze", meint er in einem Interview, ein wie hingeworfenes Leitmotiv für seine Schriften.

Man kennt seine Vorliebe für die Göttliche Komödie. Eine der schönsten Stellen in Ist das ein Mensch? (schön, weil in ihr menschlicher Geist, wenn auch nur kurzfristig, Strahlen wirft) ist die, wo er einem Franzosen Dantes Verse zitiert. Und sicher hat er sich irgendwie mit dem großen Gedicht identifiziert, auch er einer, der im Inferno gewesen war. Aber ist er wie Dante, der Tourist in der Hölle? Ist er nicht eher unser Vergil, der Leiter und Wegweiser?

* Primo Levi: Gespräche und Interviews

herausgegeben von Marco Belpoliti

aus dem Italienischen von Joachim Meinert

C. Hanser Verlag, München 1999

Verschüttete Aufklärung

288 S., 39,80 DM

* Myriam Anissimov: Primo Levi. Die Tragödie eines Optimisten

Eine Biographie

Philo Verlagsgesell- schaft, Berlin 1999

648 S., 59,80 DM