Drittens aber war Levi ein besonderer Fall: Mehr als jeder andere war er die Stimme der Ratio, des vernünftigen, aufgeklärten europäischen Juden, der sein inneres Gleichgewicht auch unter den schwierigsten Umständen beibehielt. Die Bücher, die ihn berühmt machten, Ist das ein Mensch? und Die Atempause, sind gerade deshalb so ansprechend, weil in ihnen ein Standpunkt zu Worte kommt, der in der europäischen Kultur, und besonders in der italienischen, verankert ist und das moralische Chaos beobachtet, ohne innerlich hineingerissen zu werden. Andere Überlebende haben Ähnliches versucht - Bruno Bettelheim, Viktor Frankel -, aber ihre Bücher sind einseitiger und vor allem arroganter.

Levi war niemals arrogant.

Anissimovs Biografie ist eher ein Sammelsurium an Material als ein ausgewogenes Werk, aber ein roter Faden ist ihre feste, auch nicht im Geringsten angezweifelte, geschweige denn dokumentierte Voraussetzung, Levi sei letztlich ein Opfer seines Aufenthalts im Vernichtungslager gewesen.

Nirgends unterlässt sie es, daran zu erinnern, dass sie das Leben eines Selbstmörders erzählt, und verirrt sich dabei ganz folgerichtig in die Niederungen der Vulgärpsychoanalyse, wo man auf die ehemaligen Häftlinge als psychisch gestörte Menschen hinabschaut. Zum Beispiel: "Der stille Vorwurf der großen Zahl von Untergegangenen löst eine tiefe Angst in ihm aus."

Ängstlichkeit und Aberglauben? Levi war der Erste, der vor solchen Vereinfachungen der Trauer warnte. Oder, über die humane Sorge des Sohnes um die sterbende Mutter: "Selbst in diesem senilen Zustand verkörperte sie noch einen letzten Schutz vor der Welt, die trotz seiner Wissenschaftsgläubigkeit für ihn etwas Barbarisches und Rätselhaftes hatte." Warum soll denn kindisch-neurotischer Egoismus die Quelle des Pflicht- und Mitgefühls bei einem bewundernswerten Menschen sein? Dann können wir ja gleich die Wörter Selbstlosigkeit und Altruismus aus unserem Wortschatz streichen.

Gerade die Eigenschaften, die Levis Werk so unvergesslich machen - stilistische Disziplin, Logik, kurz, der Geist der Aufklärung im Reich der organisierten Unvernunft - fehlen dieser Biografin, die sich hin- und herreißen lässt, von einem Thema zum anderen übergeht, oft anscheinend nur ihren eigenen Vorlieben folgend, wie, wenn sie seitenlang über das Werk von Hans Jonas schreibt, dessen theologische Überlegungen zum Holocaust sich nirgends mit Levis an der exakten Wissenschaft trainiertem Gei st decken. Ein einseitiger Blickpunkt bestimmt die Nachwirkungen des KZs einerseits, der dem komplexeren Denken Primo Levis nicht gerecht wird, andererseits eine Fülle von unnötigen Details, die keinen Einblick in irgendetwas gewähren. Hier eine Aufzählung von geschichtlichen Fakten, die man sich besser anderswo beschafft, dort eine unsinnige Anzahl von Namen, die für den Leser bedeutungslos sind. Und sogar ein Hund kommt vor, der den jungen Levi bei einem Ausflug bis zum nächsten Dorf begleitet hat.

Es herrscht kein Auswahlprinzip. Was daherkommt, darf hereinspazieren, und das Buch ist dementsprechend ermüdend. Und das über einen Autor, der mit Genugtuung meinte: "Meine Bücher enthalten nichts Überflüssiges!" Nur an einzelnen Stellen, vor allem im Auschwitz-Kapitel, wird diese Anhäufung interessant, denn da erstellt Anissimov aus den verschiedensten Quellen einen lesenswerten, wenn auch keinen originellen Hintergrund für Levis kompaktes Werk.