Die Verwandtschaft von Chemie und Schriftstellerei

Ein Buch von solcher Länge bietet selbstverständlich auch Informationen, die sonst nicht leicht aufzutreiben sind. Die Autorin hat sich Mühe gegeben, hat viele Menschen interviewt, die Levi gekannt haben, und sehr fleißig, wenn auch nicht unbedingt sehr gründlich, recherchiert. Man lernt von ihrem Werk zweifelsohne viel über Levis äußere Umstände, aber das letzte Wort ist hier noch lange nicht gesprochen. Wie man hört, sind zwei weitere Levi-Biografien in Vorbereitung. Man darf hoffen, dass sie leserfreundlicher sein werden als die vorliegende.

Die von Marco Belpoliti herausgegebenen Interviews und Gespräche sind hingegen ein reines Lesevergnügen. Nicht dass das Niveau in allen Teilen gleich hoch ist: Wenn die Interviewer dumme Fragen stellen ("Was vermag Sie tief anzurühren?", "Wovor haben Sie Angst?"), so bekommen sie banale Antworten. Doch in der Hauptsache hatte Levi Glück mit seinen Gesprächspartnern, die selber zum Gespräch beitrugen und nicht einfach eine Pumpe ansetzten, um das Objekt auszusaugen.

Und da erweist sich Levi als der lebhafte, differenzierende, unverwechselbare Neoaufklärer, wenn man so sagen darf, der er war. Er spricht über seine Liebe zu Italien und ebenso über seine Kritik an dem Land

über die Verwandtschaft von Chemie und Schriftstellerei ("Ein Chemiker, der sich nicht auszudrücken versteht, ist ein schlechter Chemiker")

über Isaak Babel: "Die Verzweiflung, die wir bei Babel finden, ist postumer Natur, das heißt, sie wird ihm zugeschrieben ... weil er umgebracht wurde", ein Satz, der sich mit leichter Änderung auch auf seinen eigenen Fall anwenden lässt. Über Kafka, dessen Prozeß er ins Italienische übersetzt hatte: "Ich fürchte ihn wie eine große Maschine, die dich niederwälzt, wie den Propheten, der dir dein Todesurteil verkünden wird."

Er differenziert zwischen Gulag und deutschem KZ und zwischen Terrorismus und vom Staat angezettelten Verbrechen. Über seinen eigenen Stil sagt er, dass ihn "meine Leser besser kennen als ich, wie es mit dem eigenen Profil der Fall ist". Man lernt einen klugen, sympathischen Menschen kennen und stößt wiederholt auf Sprüche, die man sich merken möchte.