Dornheim/Thüringen

Siegfried Neumann kennt jeden Stein, jede Altarfigur, jede Chroniknotiz seiner Kirche. Dabei ist er bekennender Atheist. "Rufen Sie mich trotzdem an, wenn Sie den Altar sehen, zum Konzert kommen oder auch hier heiraten wollen.

Der Pfarrer hat so viel zu tun. Ich regle das dann schon mit ihm."

Der "Hilfs-Pfarrer" ist Maschinenbauingenieur und Vorsitzender des 1996 gegründeten Freundeskreises der Kirche St. Bartholomäi zu Dornheim nahe dem Thüringischen Arnstadt. Zu diesem aufreibenden Posten kam der damals 56-Jährige, weil er schon einmal in Dornheim das schier Unmögliche geschafft hatte: Zu DDR-Zeiten bauten die Bürger unter seiner Regie kurzerhand 300 Meter Straße selbst.

Zu den Eintragungen im Kirchenbuch, die Neumann inzwischen aus dem Kopf zitieren kann, zählt jene, die dem Gebäude vermutlich schon mehrmals in den vergangenen Jahrzehnten das Leben rettete. Es ist nämlich vermerkt, dass "... der Ehrenverte Herr Johann Sebastian Bach, ein lediger gesell und Organist ... mit der tugend samen Jungfer Marein Barberen Bachin ... allhier in unserm Gottes Hause ... copuliret worden" sei. "Offensichtlich war Maria Barbara, die Großcousine von Bach, doch hübscher als die Tochter von Dietrich Buxtehude. Das für den jungen Mann sehr verlockende Amt als Organist in Lübeck hing nämlich davon ab, ob er die heiratet", erklärt Neumann die Rückkehr Bachs aus dem Norden und dessen Heirat im Thüringischen. Ohnehin war der junge Johann Sebastian längst mit seiner Braut ins Gerede gekommen, denn man hatte die beiden auf der Orgelempore erwischt. Als er dann eine kleine Erbschaft gemacht hatte, bestellte er schleunigst das Aufgebot und war übrigens der Einzige, der für die Trauung keine Gebühren bezahlen musste. Man erzählt sich, er habe noch schnell vor dem 20. Oktober heiraten wollen, denn dann wäre seine Braut schon 23 geworden, während er erst 22 war. Wie auch immer - am 17. Oktober 1707 traten die beiden vor den Traualtar. Maria Barbara sang, und für die Feier danach hatte der Bräutigam bereits das Hochzeitsquodlibet komponiert (BWV 524).

"Hätte Bach hier nicht geheiratet, stünde die Kirche längst nicht mehr", erzählt Siegfried Neumann. Zwar war schon in den achtziger Jahren an der Instandhaltung des Gemäuers gearbeitet worden

sogar eine neue Orgel hatte das Gotteshaus bekommen. Doch es war wie bei vielen Prestige-Sanierungen kurz vor Jubiläen. Weil Bachs 300. Geburtstag heranrückte und Touristen zu erwarten waren, wurde kurzerhand über das morsche Holz gepinselt. Im März 1996 läuteten zum letzten Male die Glocken. Im Dach klafften wieder Löcher, das Licht brannte nicht mehr, das Gebälk drohte zusammenzubrechen.