Halle Der große deutsche Dichter Christian Friedrich Hebbel war der Ansicht, dass man in der Sprache, die man am schlechtesten spricht, am wenigsten lügen kann. Also ist anzunehmen, dass der Iraner Saeed J., der mit seiner Frau, seinen vier Kindern und einer tiefen Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie und Menschenwürde vor fünf Jahren nach Deutschland floh, die Wahrheit spricht, wenn er im bruchstückhaften Deutsch erklärt: "Wir wollen den Deutschen unsere Kultur, unseren Charakter zeigen, damit sie begreifen, dass wir gute Menschen sind. Dafür müssen sie aber ihre Augen und ihr Herz für uns öffnen."

Dieser Gedanke ist schön. Schade ist nur, dass ihn im Prinzip keiner hören will. Jedenfalls nicht die Mehrzahl der ordnungsliebenden, sauberen und ruhebedürftigen Mieter im schmuck sanierten Plattenbau in der Azaleenstraße 44 in Halle-Neustadt. Sechs Familien wohnten Anfang des Jahres in diesem Haus, und vier davon standen Kopf, als sie von den Köhlers im vierten Stock erfuhren, dass der iranische Historiker Saeed J., 38, mit seiner Familie demnächst bei ihnen einziehen würde.

Die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (GWG) hatte Andrea Köhler und ihren Mann Heinz darum gebeten, die anderen Mieter des Hauses über den baldigen Neuzugang zu informieren, denn sie waren es ja schließlich auch, die der stets nach interessierten Mietern suchenden GWG - immerhin stehen in Halle schon 20 000 Wohnungen leer - die iranische Familie empfohlen hatte.

Die Köhlers waren damit auch sofort einverstanden, denn sie kennen und mögen die Familie J. seit langem. Der jüngste Sohn geht in Andrea Köhlers Kindergartengruppe. Heinz Köhler hat als Hallenwart einer städtischen Sporthalle zu vielen Menschen in Halle-Neustadt Kontakt. Und damit auch zu den drei anderen Kindern der Familie J., die nach der Schule gern zu ihm in die Halle kommen.

Heute bereut Andrea Köhler allerdings, dass sie Anfang Januar tatsächlich von Wohnungstür zu Wohnungstür gezogen war, um den anderen Bescheid zu sagen. "Im Nachhinein komme ich mir vor wie ein Botschafter, der den Leuten die Ängste nehmen soll - als wären die J.s eine Familie mit Pitbull und verwahrlosten Kindern, die Tag und Nacht das Treppenhaus rauf- und runterrennen und draußen im Müll wühlen."

Dabei war doch alles ganz anders. Die J.s wollten gerade deshalb aus ihrem Haus in der Azaleenstraße 55 in die Azaleenstraße 44 umziehen, weil dort verwahrloste Kinder Tag und Nacht das Treppenhaus rauf- und runterrennen, Fahrstuhl und Wände beschmieren und die Nachbarn ihren Müll einfach in den Hausflur oder in die Büsche draußen kippen. "Scheiß Ausländer", wettert eine fette junge Frau in Jogginghosen und Parka, als ihre Promenadenmischung beginnt, aus einer Alditüte neben dem Hauseingang vergammelten Käse zu zerren. Dann schmeißt sie ein paar Werbeprospekte aus ihrem Briefkasten daneben und geht türenkrachend zurück ins Haus.

Es ist die Tristesse ringsum, die die Leute hier so mürbe macht. Der Bahnhof von Halle-Neustadt sieht aus wie einer, den man nach Anbruch der Dunkelheit besser nicht mehr betreten sollte. Die Fußgängerzone, einst aus grauem Beton zwischen die Plattenbauten gegossen, bietet nicht viel mehr als Plüsch und Plunder. Bummeln, shoppen, schlemmen is nich in Halle-Neustadt, und wer es schafft, seiner Sozialhilfe einen Kaffee mit Milch und Zucker abzutrotzen, schaut auf die so genannten Scheiben - verwahrloste, verkommene Neunzehngeschosser, in denen längst keiner mehr wohnt.