Was ich heute bin, habe ich mir nie gewünscht. Das Geld nicht, und auch nicht den Ruhm. Nicht im Traum habe ich daran gedacht, eines Tages ein bekannter Rennfahrer zu sein. Fußballer, Zweite Liga, das vielleicht. Ich habe Toni Schumacher bewundert, mit ihm als Torwart hätte ich gerne zusammen in einer Mannschaft gespielt. Aber dafür hat es nicht gereicht, abgesehen davon, er ist ja auch viel älter als ich. Immerhin bot sich mir so die Möglichkeit, vor den Klassenkameraden zu behaupten, dieser Schumacher sei mein Onkel. Damit habe ich Eindruck gemacht, denn die meisten haben es mir geglaubt.

Ich war ein Fan von Pierre Littbarski, mich begeisterte die Geschicklichkeit, mit der er seine Gegenspieler so mühelos ausmanövrierte. Sich einen Ball nehmen, und das Spiel beginnt. Mehr braucht man ja nicht, Fußball ist wunderbar schlicht. Dagegen die Formel 1, der riesige Tross, die Scharen von Renningenieuren und Mechanikern, ohne die das Auto nicht einen Meter fahren würde. Gelegentlich stelle ich mir das vor, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich genügend Talent für eine Karriere als Fußballspieler gehabt. Mit einem Vertrag bei irgendeinem dieser Vereine, die selten Besuch von Fernsehkameras bekommen, bei denen man unbekannt bleibt.

Ein ruhiges Leben, ein geregeltes Einkommen, niemand, der allzu viel Notiz von mir nähme. Es gäbe keinen Anlass, diesen einen Traum zu träumen, der vor allem davon handelt, unsichtbar zu sein. Das Leben, das ich führe, ist das eines Menschen unter ständiger Beobachtung. Ich habe viel von meiner Freiheit verloren, jedermann meint, ein Anrecht auf mich zu haben. Ich weiß, was die Leute sagen: Der verdient doch ach so viel Geld, dann muss er das aushalten können. Ich halte dem entgegen: Es ist ein verdammt hoher Preis, den ich da bezahle.

Maskeraden, Tarnungen, alles schon versucht. Ich weiß noch, wie es war, als mein Bruder damals auf dem Norisring in Nürnberg seine ersten Runden in einem Formel-Auto drehte. Ich hatte einfach Lust, ihm dabei zuzusehen. Aber er sollte trotzdem die Hauptperson bleiben. Also kaufte ich mir eine Perücke mit langen schwarzen Haaren und nahm ein Auto mit abgedunkelten Scheiben - erkannt wurde ich trotzdem. Die Fans johlten, ich fand mich plötzlich selber ziemlich lächerlich.

Seitdem träume ich bisweilen von einem Haus an einer Klippe, in dem ein Fahrstuhl in die Tiefe fährt. Er endet in einem Kellerraum, der zugleich mein Schlafzimmer ist. Große Fenster zeigen die farbenprächtige Welt unter Wasser.

Und, das Besondere, der Raum hat eine große Tür, durch die man leicht hinausschwimmen kann. Wer in einem solchen Haus wohnt, dessen Leben, dessen Familie ist ganz vor fremden Blicken geschützt.

Es gibt nicht viele Träume, die ich nach dem Aufwachen so deutlich vor mir habe. Die meisten lassen sich nicht aus der Nacht in den Tag hinüberretten.