Tobende Kinder, bissige Hunde, undichte Waschmaschinen - gegen was sich der Mensch nicht alles versichern kann. Für Vorstände und Aufsichtsräte bieten Axa, Allianz, Gerling und Co seit einiger Zeit sogar eine spezielle Haftpflichtversicherung an. Mit der Police können sich die Wirtschaftslenker gegen eigenes Versagen versichern.

In den Vereinigten Staaten würde kein Manager einen Arbeitsvertrag unterschreiben, ohne eine solche Versicherung abzuschließen. In Deutschland ist die Prozessfreudigkeit zwar noch nicht ganz so ausgeprägt, doch erstmals spüren nachlässige Kontrolleure auch hier die Konsequenzen am eigenen Leib. Ende November wurde ein ehemaliges Aufsichtsratsmitglied des Sportbodenherstellers Balsam zu fünf Millionen Mark Schadensersatz verurteilt. Beim Baukonzern Holzmann ist inzwischen ebenfalls von Schadensersatz die Rede. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hat eine Gruppe von Aktionären hinter sich geschart, um frühere Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder zu belangen und meint damit ausdrücklich "auch solche, die ihr Ausscheiden angekündigt haben", wie Anlegerschützer Klaus Nieding versichert. Gemeint ist Carl von Boehm-Bezing von der Deutschen Bank, der nach monatelangem Ringen im April seinen Platz im Kontrollgremium des Baukonzerns räumen will. Während den Aufsehern bei Balsam "nur" Schlampigkeit vorgeworfen wurde, vermutet die Schutzvereinigung bei Holzmann Interessenkonflikte. So sieht es Nieding als erwiesen an, dass der Großaktionär und Kreditgeber Deutsche Bank den Einfluss im Aufsichtsrat "zum eigenen Vorteil und zum Nachteil von Philip Holzmann eingesetzt hat."

Um die Lage zu verbessern wurde gerade erst die Kompetenzen der Aufsichtssräte erweitert. Das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG), das nach den Erfahrungen bei der Frankfurter Metallgesellschaft, beim Bremer Vulkan und bei der Balsam formuliert wurde, ist gerade mal zwei Jahre alt. Das KonTraG soll das Zusammenspiel von Vorstand, Aufsichtsrat und externen Prüfern verbessern und bei allen das Bewusstsein für Risiken schärfen. Die wichtigste Neuerung für die Räte betrifft ihr Verhältnis zu den Wirtschaftsprüfern. Nahm früher der Vorstand das Urteil über seine Bilanz selbst entgegen, ist jetzt der Aufsichtsrat Auftraggeber und Abnehmer des Prüfberichts. Abgesehen davon erwies sich der Gesetzgeber als wenig mutig. Beispiel: Aufsichtsratssitzungen. Laut Gesetz sollen die Aufseher mindestens vier Treffen im Jahr veranstalten. Mit dieser Zahl jedoch zementierte der Gesetzgeber exakt den in Deutschland üblichen Durchschnittswert.

Dies wird im internationalen Vergleich erst richtig peinlich: In anderen Ländern treffen sich die Unternehmensaufseher im Durchschnitt zwischen sechs- und achtmal pro Jahr. "Um in vier Sitzungen alles Wissenwerte über ein Unternehmen zu erfahren, muss man ein Genie sein", findet der britische Unternehmsberater Laurens van den Muyzenberg nach einem Vergleich der Kontrollsysteme in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Holland, Schweden und Deutschland.

Das Urteil ist ernüchternd. Die deutschen Gremien tagen seiner Erkenntnis nach nicht nur zu selten, sie sind auch zu groß und voller Teilzeitkräfte. Mit einem Wort: ineffizient.

Fast nirgendwo sonst ist die Quote derer, die ihr Aufsichtsamt neben dem regulären Job ausüben, so hoch wie in Deutschland (65 Prozent). Durchschnittlich 29 Personen (Europa: 18) drängeln sich im Schnitt bei den Sitzungen.

Die Räte tagen zu selten, um den Durchblick zu haben