"Nur nicht die Nerven verlieren"

Auf der Stirn kalter Schweiß, das Gesicht so fahl wie der taubengraue Anzug, hinter der Goldrandbrille ein gehetzter Blick - dieser Mann ist am Ende. Als ihm dann noch untersagt wird, sich vor der Weltpresse zu rechtfertigen, schleicht er wie ein geprügelter Hund aus dem Senatshaus. Er wird nicht mehr in die Johannesburger University of Witwatersrand zurückkehren.

Vor fünf Jahren war Werner Bezwoda noch ein gefeierter Pionier, eine Kapazität auf dem Felde der Brustkrebstherapie. Am vergangenen Freitag befand ein Disziplinarausschuss den Direktor der Hämatologie und Onkologie für schuldig. Er habe die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung gefälscht und die ethischen Richtlinien der Lehranstalt verletzt. Vizekanzler Colin Bundys verkündete das Urteil: "Die Universität hat Professor Werner Bezwoda mit sofortiger Wirkung gefeuert." Die zuständige Behörde werde prüfen, ob ihm die Zulassung als Arzt entzogen werde. Tiefer kann man nicht stürzen.

Trotzdem entschlossen sich in Deutschland in den vergangenen Jahren mehrere hundert Frauen mit fortgeschrittenen Metastasen zum harten Eingriff. Doch bisher konnten vier Studien die Überlegenheit des Verfahrens nicht demonstrieren. Anfang März erschütterte das New England Journal of Medicine ein weiteres Mal den Glauben an die Strategie. Edward Stadtmauer, Krebsforscher von der University of Pennsylvania in Philadelphia, hatte die HDCT bei 110 Patientinnen mit Metastasen angewandt, 89 erhielten eine konventionelle Chemotherapie. Die mittlere Überlebenszeit betrug in beiden Gruppen nur zwei Jahre, nach drei Jahren lebte nur noch jede dritte Frau. Stadtmauer schrieb, dass "diese Behandlung nicht für Frauen mit metastasierendem Brustkrebs empfohlen werden kann".

Werner Bezwoda hatte hingegen behauptet, dank dieser heroischen Methode überlebten Frauen mit mehr als zehn befallenen Lymphknoten deutlich länger. Nur mit Mühe konnten vor allem US-Forschungszentren im Rahmen von Studien noch Patientinnen für eine niedrig dosierte Chemotherapie gewinnen. Manche klagten die harte HDCT sogar ein. Doch im Mai 1999, auf der Jahrestagung der American Society for Clinical Oncology, schlug Bezwoda geballte Skepsis entgegen. Das National Cancer Institute (NCI) wollte Klarheit über die einsame Erfolgsstory vom Kap der guten Hoffnung und entsandte Anfang Februar ein Untersuchungsteam. Vier amerikanische Ärzte und eine Schwester forderten in Johannesburg Einsicht in Akten und Datenbanken und befragten Zeugen.

Vergangene Woche zog das NCI-Team in einer Vorveröffentlichung der Fachzeitschrift The Lancet ein katastrophales Resümee: Altersangaben von Patientinnen waren falsch, ebenso die Einteilung der Brustkrebsstadien, Voruntersuchungen fehlten, manche Patientinnen waren erfunden und Behandlungen ohne Einverständnis der Betroffenen durchgeführt worden. Missetäter Bezwoda hatte sich quer gestellt, rückte nur 58 von 79 Akten heraus. Die Bezwoda-Studie dürfe nicht länger als Begründung einer Hochdosis-Therapie gelten.

Ende Februar reagierte auch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) auf den Betrug. Die Datenbasis zur Beurteilung der Hochdosis-Therapie beim Mammakarzinom sei geschwächt, hieß es. Gleichwohl kommen die Experten zu dem Schluss, dass begonnene deutsche Studien "zu einem wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisgewinn beitragen". Ergo müssten sie "wie geplant fortgeführt werden". Damit stecken die Forscher in einem Dilemma, denn noch reicht die Anzahl der behandelten Frauen nicht, um statistisch gesicherte Aussagen über den Erfolg machen zu können. "Wenn wir jetzt abbrechen, war alles umsonst", sagt Klaus Höffken, Onkologe an der Universität Jena und Vorstandsmitglied der DKG. Immerhin sei in Deutschland keine Frau mehr durch die Hochdosis-Behandlung gestorben: "Jetzt heißt es nur nicht vorschnell die Nerven verlieren."

Auch Lothar Kanz vom Interdisziplinären Tumorzentrum der Universität Tübingen verteidigt die bisherigen Untersuchungen. Sie hätten sich nur über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren erstreckt - und in dieser Zeit tatsächlich keinen Vorteil gezeigt. "Wir sollten zumindest fünf Jahre abwarten, bis wir die Ergebnisse zusammenfassen und uns ein abschließendes Urteil erlauben." Neue Studien, schlägt Kanz vor, seien bis dahin auszusetzen. Ob weiterhin Frauen in die laufenden Untersuchungen aufgenommen werden sollten, sei noch offen.

"Nur nicht die Nerven verlieren"

Verzweifelte Frauen werden auch nach der neuen Variante greifen, gleich welche Nebenwirkung sie hat. Sie haben fast keine andere Wahl. Wieder wird der Erfolgsdruck enorm sein, wieder werden alle Beteiligten in Versuchung geraten eher etwas zu tun, als es zu unterlassen. Es bleibt die Frage, ob bei so wichtigen Studien nur die ausführenden Forschungsgruppen über das Prozedere entscheiden dürfen oder ob die NCI-Intervention Schule macht. Einem unabhängigen Gremium, das solche Kontrollen stichprobenhaft durchführt, sagt Lothar Kanz, dürfte sich eigentlich keine Klinik verschließen.