Den Einsatz üben, um ihn zu verhindern: Das war einmal die Doktrin der Bundeswehr. Damit ist es vorbei. Seit 1992 haben rund 65 000 Soldaten der Bundeswehr an echten Einsätzen im Ausland teilgenommen, in Asien, Afrika und auf dem Balkan. Auf einmal steht der Feind nicht in Russland, sondern irgendwo draußen in der unübersichtlichen Welt - und er ist real, nicht hypothetisch. Vielleicht ist er kein Panzergrenadier, sondern ein durchgeknallter Aufrührer in einer Menschenmasse. Die Welt der Soldaten ist in Unordnung geraten. Sie fordern "eine klare Perspektive für ihre zukünftige Tätigkeit". So steht es im Bericht der Wehrbeauftragten Claire Marienfeld, den sie am vergangenen Dienstag vorgelegt hat. Wofür sind Soldaten da, was brauchen sie, was muss sich ändern? Nur eines ist klar: Die Bundeswehr steht vor der größten Reform ihrer Geschichte.

Und steht da seit zehn Jahren. Sie ist das große, verschleppte Reformprojekt der Republik. Als der Verteidigungsminister noch Volker Rühe hieß, verhinderte er die Generaldebatte über den Auftrag der Bundeswehr. Das geht nun nicht mehr, denn der Widerspruch zwischen neuer Wirklichkeit und altem Auftrag wird mit jedem Auslandseinsatz größer, die Verbündeten stellen Forderungen, das Geld wird knapp. Rühes Nachfolger Rudolf Scharping ist dazu verurteilt, die Bundeswehr zu verändern. Von ihm wird jetzt das Unmögliche verlangt: sparen und reformieren zugleich. Scharping wird entweder als "der Mann, der die Armee reformierte", in die Geschichte eingehen, oder er wird als Verlierer dastehen. Also kämpft er. Präsent in der Truppe, pausenlos im Gespräch mit seinen Generälen. Die Zeit drängt, denn in diesen Tagen fügt Scharpings Expertenkommission ihren Bericht zur Reform der Armee zusammen. Unter dem Vorsitz Richard von Weizsäckers stellen sich Militärstrategen und politische Köpfe brisanten Fragen: Welchen politischen Auftrag hat die Bundeswehr nun, welche Waffen braucht sie, was wird mit der Wehrpflicht? Es sind die Tage vor der großen Debatte, und die Stimmung ist gereizt. Da lohnt es sich, näher hinzusehen: Was ist das für eine Armee, diese Bundeswehr mit ihren 338 000 Soldaten? Erste Antwort: eine Armee mit zwei Kulturen.

Die Bundeswehr der Zukunft heißt beispielsweise Hauptfeldwebel Hein und sitzt im Kampfanzug in der guten Stube des Ehepaars Jeftic. Die Jeftics sind Serben, aber zu alt, um wie ihre Kinder aus Prizren im Kosovo nach Serbien oder Mazedonien zu fliehen. Die Altstadt von Prizren sieht hübsch aus, Pärchen flanieren, der Muezzin singt, und die Rap-Anlage dröhnt. Prizren ist kosovo-albanisch, Schauplatz von Grausamkeiten der Serben an Albanern und der Albaner an Serben. In der ersten Woche, nachdem die Bundeswehr Posten in ihrem südöstlichen Sektor bezogen hatte, tobte die albanische Untergrundarmee UÇK ungehindert ihren Hass aus. Damit hatten die deutschen Soldaten nicht gerechnet. Kosovo, das ist Learning by Doing. Und die Bundeswehr lernt noch. Österreicher und Niederländer sind zwar erfahrener in der Friedenssicherung, aber einen Sektor im Kosovo zu haben, das war für Deutschland eine Frage der Ehre.

Der 75-jährige Voislav Jeftic schenkt dem deutschen Soldaten einen Obstschnaps ein. Früher, klagt der Serbe, habe er gerne im Café am Marktplatz gesessen. Heute traue er sich nicht mehr aus dem Haus. Früher, das war die Zeit, in der das Leben für die Albaner nicht so schön war. Aber der Hauptfeldwebel gibt keinen Kommentar, denn Dienst ist Dienst.

Im echten Einsatz ist alles anders, als Soldaten der Bundeswehr es in der herkömmlichen Ausbildung gelernt haben. Der Soldat muss sich tarnen - so steht's im Reibert, dem Soldatenhandbuch. In Kambodscha, Somalia und auf dem Balkan hingegen war stets die Sichtbarkeit wichtig. Der Soldat muss verschwiegen sein, sagt die Dienstvorschrift ZDv 2/30, doch beim Peacekeeping ist Kommunikation die Hauptwaffe des Soldaten.

Nicht einmal der Aufbau der Armee stimmt noch. Er beruht auf der Idee, dass sich im Verteidigungsfall "die heimischen Krankenhäuser, Lastkraftwagen und andere Mittel für die Kampftruppen nutzen ließen", wie eine amerikanische Studie sagt. Zudem sind die "Hauptverteidigungskräfte" und "Krisenreaktionskräfte" der Bundeswehr fein durchmischt und auf rund 680 Standorte in Deutschland verstreut - gut für die Heimatverteidigung, damals. Inzwischen aber schlecht, weil man qualifizierte Soldaten für den Auslandseinsatz aus dem ganzen Land zusammentrommeln muss. Überall klagen Kommandeure über Anforderungen, die plötzlich auf sie niederprasseln und am besten gestern schon erledigt sein sollen. Der Unteroffizier, der in Prizrens Serbenviertel Streife läuft, muss es ausbaden: "Ist eine alte Regel: Du musst deinen Nebenmann genau kennen. Aber als wir herkamen, mussten wir uns erst kennen lernen."

Die einsatzerprobten Generäle anderer Länder stellen deutschen Soldaten gute Zensuren aus. Schnell habe die Bundeswehr ihre Erfahrungen umgesetzt, die heimischen Ausbilder reagierten rasch auf die neuen Anforderungen in der Praxis. In den deutschen Trainingszentren werde realistisch geübt. Während die Politik noch darüber rätselt, wie und wohin die Bundeswehr marschieren soll, verändert sich der Truppenalltag und mit ihm die Haltung der Soldaten. Vom "Arbeitnehmer in Uniform", dessen Lieblingswort "Dienstausgleich" heißt, wird er zum Kämpfer mit Furcht, Mut, Verantwortungsbewusstsein. An die Stelle der Vorschriftenseligkeit tritt der Pragmatismus - wenngleich nur langsam. Ein britischer Offizier schüttelt den Kopf: "Als die deutschen Sanitäter in Australien mit ihren Transall-Flugzeugen warteten und nichts geschah, da baten wir die Bundeswehr, uns beim Rücktransport unserer Truppen zu helfen. Geht nicht, wurden wir beschieden: So weit reiche der Auftrag des Bundestages nicht."