Nervensägen. Man hofft, diesen Figuren nie mehr begegnen zu müssen. Meistens treten sie irgendwann in Wetten, dass ...? auf, wo sie mit 200-stelligen Zahlen jonglieren. Natürlich kennen sie auch alle Hauptstädte. Sie gehören zu jener Spezies, die einen umgehend in einen Haufen Minderwertigkeitskomplexe verwandelt.

Gregor Staub ist so einer. Zwei Minuten reichen ihm, um sich 20 Begriffe zu merken - darunter sperrige Brocken wie Erysipelothrix, Kurzschwanzturmtaucher und Choledochoduodenostomie. Aber das Schlimmste an diesem blitzgescheiten Burschen: Er behält die Tricks nicht für sich. Er bringt seine Kunststücke bei 200 Auftritten pro Jahr staunenden Zuhörern bei - die danach ihrerseits protzend den Freundeskreis mit hirnakrobatischem Geschick zum Klatschen nötigen.

Es ist ein kühler Freitagabend, leichter Niesel in Zürich, als dreißig Lehrer der privaten Englischschule Hull's in Staubs Stahlbad geraten. Beim Kennenlernen werden gleich alle Namen gespeichert. Staub gibt Anleitung, und hurtig rennen die Esel über die virtuos gebauten Brücken: Sarah hat eine Frisur wie nach einem Sandsturm in der Sahara. Auf der Schulter von Isabelle im schwarzen Pulli sitzt ein schwarzer Hund; der ist am Bellen. Und den schlecht rasierten Urs kann man sich mit dem lateinischen Namen des entsprechenden Pelztiers merken.

Noch glaubt keiner der Zuhörer, dass er sich um 22 Uhr eine 30-stellige Zahl in Minutenschnelle wird merken können. Staub stellt die Frage, die immer die Schlüsselszene seiner Auftritte markiert: "Wer ist zufrieden, wenn er sich am Ende des Abends aus einer Liste von 20 Begriffen 16 merken kann?" Die Hände gehen in die Höhe. Die Erwartungshaltung - Staub registriert's - ist klein. Er weiß, dass jeder alle 20 Begriffe schaffen wird. So ist's gut. Nichts kann schief gehen.

Die Technik, mit der Staub dem Kurzzeitgedächtnis Normalsterblicher Höchstleistungen entlockt, ist eigentlich simpel. Um sich eine Liste von Begriffen zu merken, baut man sich ein System geistiger Briefkästen. Körperstellen (Fuß, Knie, Stirn) oder auffällige Orte im Saal (Lampe, Kopierer, Pinwand) werden zu Fächern, in denen man mithilfe kühner Assoziationen einzelne Wörter verstaut.

Zum Einstieg die Körperliste: "Alle aufstehen, bitte, everybody", ruft ein von Heiserkeit geplagter Staub in den Saal. Und plötzlich ahnt er, dass es doch schwer werden könnte, an diesem kühlen Abend. Denn eine Schülerschaft aus Lehrern ist nicht nur besserwisserisch bis zum Abwinken, sondern auch schwatzhafter als jede andere Horde. Zäh kommt die Übung in Gang. Man merkt sich als Nummer 1 die Zehe, und greift sich an die Zehe. Nummer 2 das Knie. Griff ans Knie. 3. Oberschenkel, 4. Gesäß, 5. Taille, 6. Brust, 7. Schulter, 8. Hals, 9. Nase, 10. Stirn.

Wer die Liste dieser Körperteile im Kopf hat, der verinnerlicht die samstägliche Einkaufsliste locker in 60 Sekunden, indem er die Produkte der Reihe nach den Körperteilen zuordnet. Und das geht so: Man stellt sich vor, die Zehe bestehe aus Brot. "Da, die Zehe, sehen Sie?" Das Knie wird mit Senf eingerieben. Den Oberschenkel umwickle ich mit Toilettenpapier. In der Gesäßtasche steckt ein Fisch. Die Taille riecht nach Rasierwasser. Auf der Brust fühle ich Wattestäbchen. Auf der Schulter stehen Kinderschuhe. Um den Hals baumelt eine Tüte Vogelfutter. Auf der Nase balanciere ich Käse. Und an der Stirn klebt roter Nagellack.