Angela Merkels unaufhaltsamer Aufstieg an die Spitze der CDU ist fast vollendet. Jetzt will niemand zu spät kommen. Auch diejenigen in der Union, die bislang nicht eben zu den Herzensfreunden der Generalsekretärin zählen, stehen vor der heiklen Frage, wie sie sich öffentlich zur künftigen Vorsitzenden verhalten wollen. Zuerst war es die CSU, die sich nach anfänglichem Entsetzen plötzlich ganz geräuschlos ins Unabwendbare fügte. Gerade noch rechtzeitig hat sich nun auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch entschlossen, Angela Merkel als gute Lösung für den Parteivorsitz zu loben. Selbst Helmut Kohl beteuert inzwischen, dass es ihm nicht in den Sinn käme, der politischen Ziehtochter, die zu seiner schärfsten innerparteilichen Gegnerin wurde, Steine in den Weg zu legen. Nur Volker Rühe, der geschlagene Konkurrent, der aus hoffnungsloser Position heraus verkündete, er habe nie Ambitionen auf den Parteivorsitz gehabt, zögert noch mit Grußadressen an den neuen Shooting-Star der Partei.

Egal, die Sache scheint gelaufen. Während die offizielle Sprachregelung bis zum 20. März weiter lautet, nichts sei entschieden, hat sich längst alles auf Angela Merkel fokussiert. Was vor einem Monat als fraglich, vor zwei Monaten als abwegig gegolten hätte, wird nun zum Selbstläufer: Eine Frau aus dem Osten, als CDU-Politikerin noch nicht herausragend profiliert, wird künftig die deutschen Konservativen führen. Nach 25 Jahren Helmut Kohl und einem Übergangsvorsitzenden Wolfgang Schäuble signalisiert das vielleicht die tiefste Zäsur in der Geschichte der CDU.

Lieber übt sie sich ein wenig in basisdemokratischer Erneuerung. Kein Zufall ist es, dass nun ausgerechnet Angela Merkel als Erste davon profitiert. Es war schließlich die Generalsekretärin, die unmittelbar nach der Wahlniederlage 1998 ihrer Partei die Erneuerung von unten, den Brückenschlag in die Gesellschaft und eine neue Streitkultur empfahl. Bis zum Ausbruch der Spendenaffäre fand sie damit nur mäßige Resonanz. Aber dann brachten der Skandal und die beginnende Einsicht in die Ursachen der Krise Merkels Rezepte zur innerparteilichen Erneuerung wieder auf die Tagesordnung. Plötzlich klang ihr Plädoyer für Offenheit, Transparenz und eine neue Debattenkultur wie die angemessene Konsequenz aus dem aktuellen Dilemma. So wurde die Generalsekretärin zur Heldin der Basis. In einer nahezu führungslosen Partei ist das die aussichtsreichste Position.

Es ist nur gerecht, dass weder Volker Rühe noch Jürgen Rüttgers oder gar Roland Koch die Konkurrenz mit Angela Merkel bestanden haben. Ende letzten Jahres war es Angela Merkel, die Kohls Sturheit in der Spendenaffäre mit einem entschiedenen Konfrontationskurs beantwortete. Während Rühe, Rüttgers und Koch im Umgang mit der Affäre und ihrem prominentesten Akteur, Helmut Kohl, noch heftig taktierten, profilierte sich die Generalsekretärin als entschiedene Aufklärerin. Dafür nimmt sie heute auf den Regionalkonferenzen die Anerkennung entgegen. Die kommt allerdings von derselben Basis, die ihr recht unmissverständlich bedeutet, es sei nun höchste Zeit, die Selbstkasteiung zu beenden. Ist es auch diese Erwartung, die Angela Merkel an die Spitze der CDU befördert? Traut man es der Frau mit dem Image der konsequenten Aufklärerin am ehesten zu, die Affäre nun ohne weiteren Gesichtsverlust für beendet zu erklären? Und ist es abwegig, sich Angela Merkel auch in dieser Rolle vorzustellen?

Das bleibt offen. Absehbar ist bereits, dass Angela Merkel - bevor sie auch nur beginnt, ihre neue Funktion aktiv zu definieren - ein beachtliches Bündel an Zumutungen für ihre Partei bereithält: Erstmals muss sich die männerdominierte CDU mit einer Frau an der Spitze arrangieren, erstmals soll die westdeutsch geprägte Partei von einer Vorsitzenden aus dem Osten geführt werden. Zudem übernimmt mit Angela Merkel unwiderruflich eine neue Generation die Macht in der Partei. Die Verjüngung der Führung, die bereits unter Wolfgang Schäuble begann, fände mit Merkel an der Spitze ihren Abschluss: ein rapider Generationswechsel, die Dominanz der Vierzigjährigen in der Führung einer Partei, deren Mitglieder im Durchschnitt gut zehn Jahre älter sind.

Kohls Generation ist abgetreten, die Generation der Schäubles und Rühes gerät an den Rand. Nachdem Norbert Blüm zugunsten von Jürgen Rüttgers aus der Führung ausscheidet und nun auch Kurt Biedenkopf signalisiert, er wolle nicht für ein Stellvertreteramt kandidieren, wirkt die künftige Führung plötzlich so verjüngt, dass ihre Integrationsfähigkeit für die Älteren nicht mehr ganz selbstverständlich erscheint. Die einstigen Jungen Wilden und ihre Altersgenossen übernehmen die Führung. Zu den Jungen Wilden zählte Angela Merkel nie. Und dennoch personifiziert sie jetzt am stärksten den bevorstehenden Kulturbruch.

Darin liegt zweifellos eine Chance. Es ist ja der Wunsch der Partei, mit Angela Merkel eine Führungsperson an der Spitze zu sehen, die sich heute am meisten von der dubios gewordenen Ära Kohl abhebt. Doch das ist ein Wunsch, der kaum mit Kontinuität, sondern eher mit dem Kontinuitätsbruch, den Angela Merkel zumindest in kultureller und biografischer Hinsicht verkörpert, zu erfüllen sein wird. Über ihre künftige Politik sagt das noch nichts.