Er könne nicht begreifen, warum "jedesmal, wenn sich beim Zählen ein paar Nullen in der Ziffer ergeben, ein großes Geschrei anhebt". So Sir Ernst Gombrich, der gebeten war, etwas zum Millennium zu sagen. Hätte der große Kunsthistoriker und höfliche alte Herr auch so geantwortet, wenn man ihn gebeten hätte, etwas zur 2000. Wiederkehr von Christi Geburt zu schreiben? Niemand hatte daran gedacht, alle hatten über dem Ticken der Uhren und dem Jahrtausendgebrüll das doppelte Millennium irgendwo vergessen. Fragend starrte man auf eine Sondermarke der Bundespost, auf der ein hellblauer Ball mit buntem Binnenmuster durch die Zeile "Jubilaeum" halb umrundet wurde. Welches Jubiläum denn nun schon wieder? Globaler Wetterdienst? "A. D. 2000" sagte die andere Hälfte, am äußersten Rand, dann, ein Fall für Lupenbesitzer, die Wörter "Christus gestern heute in Ewigkeit".

In Zeiten, wo die irdische Niederlassung von Gott & Co. GmbH als Jubiläum verbucht wird, wo jedoch die Nachricht aus Lübeck, dass die Pastoren der wunderbaren fünf Altstadtkirchen sich im Talar von den Kirchtürmen abseilen wollen, um Aufmerksamkeit zu erregen für das Angebot ihrer Institution, ein weiterer Beleg dafür ist, dass es dem Jubilar an Kundschaft mangelt, da scheint eine Ausstellung mit dem Titel Seeing Salvation (Das Heil erblicken) wie eine Naivität. Und ist doch genau das, was die verzweifelte Jahrmarktseinlage der Lübecker Geistlichen, dieser real und verbal riskante Aktionismus, nicht ist: klug und kühn. Keinem Museumsdirektor, keinem Ausstellungsmacher ist zum Jahr 2000 das Selbstverständliche eingefallen. Oder hat keiner es gewagt, die Geschichte des christlichen Glaubens, der die europäische Kultur und Geistesgeschichte geprägt hat, zum Thema zu machen? Stattdessen gab und gibt es Gründliches oder Spekulatives zum Lauf der Zeit einerseits, andererseits in London das gigantische, teure Nichts namens Millennium Dome.

Neil MacGregor ist praktizierendes Mitglied der Church of England, aber er ist auch Wissenschaftler, Empiriker, Engländer, verantwortlich für ein Museum, das bestens floriert, auch ohne Eintrittsgelder. Rund ein Drittel der Bilder der National Gallery, so stellte er fest, ist christlichen Inhalts, darunter capolavori wie Piero della Francescas Taufe Christi oder Raffaels Kreuzigung . Die Bilder, zumeist Auftragsarbeiten, sind einmal entstanden, um die Botschaft des Glaubens zu feiern, zu festigen, sichtbar zu machen jenseits der Schrift. Heute hängen sie im Museum, chronologisch und nach Schulen und Ländern geordnet, nicht um den Ruhm Gottes zu verkünden, sondern als Dokumente einer Kultur. Wir sehen, mit den Vorgaben der Ästhetik, sie als Kunstwerke und ordnen sie zur Kunstgeschichte. Wir bewundern an Pieros Taufe die Komposition, das komplizierte perspektivische System und die nicht weniger elaborierte Symbolik der Gesten und Objekte, die seltsame Spannung der Gruppe der drei Engel, das bleiche Leuchten des Lichtes schließlich, das über dem feierlich verhaltenen Geschehen liegt. Wir lassen uns gern von MacGregor sagen, dass wir mit dieser Betrachtungsweise etwas aus dem Blick verloren haben, was er "the heart of the matter" nennt. Vom "Machtverlust der Bilder" in und seit der Reformation spricht Hans Belting in seiner großen Untersuchung über Bild und Kult , in der er den Weg vom mittelalterlichen Kultbild zum Kunstwerk der Neuzeit verfolgt.

Sieben thematisch bestimmte Räume hat die Londoner Ausstellung und setzt unter dem Titel Zeichen und Symbol mit William Holman Hunts The Light of the World einen verblüffenden Anfang. Denn das Bild des englischen Präraffaeliten, 1905/7 in einem mehr mühseligen als inspirierten Arbeitsprozess in drei Fassungen entstanden, ist für unsere Wahrnehmung eher ein Triumph der Kostümierung denn des Glaubens. Das kunstvoll verschattete Salonbild einer religiös gestimmten Empfindsamkeit, an dem die Metaphern prangen wie die Medaillen an der Olympionikenbrust, war allerdings zu seiner Zeit ein Welterfolg. Sein erster Besitzer schickte es auf Commonwealth-Tournee, in Südafrika drängten sich die Burenfamilien in stummer Andacht, in Melbourne zählte man in der Art Gallery an einem Sonntag 25 000 Besucher, 7 Millionen Betrachter waren es insgesamt. Vielleicht suchten sie den Glauben, vielleicht die Sensation, geboten wurde ihnen eine aufwendig schlichte Illustration des Johannes-Wortes vom "Licht der Welt", ein Stück Prophetie insofern, als hier der Verfall der Kunst dem des Glaubens vorangeht.

Jedermanns Erfahrungen - Leid, Mitleid, Freude, Trauer

Die Geschichte des Lebens Christi wird vom 4. Jahrhundert, als der christliche Glaube zur römischen Staatsreligion wurde, bis ins 20. Jahrhundert verfolgt. Am Anfang und nach frühen Dokumenten des Christogramms XP eine 43 Zentimeter hohe Marmorfigur, Der gute Hirte , ein anmutiger Knabe im lockigen Haar, der ein Lamm auf den Schultern trägt. Zum Schluss Salvador Dalís 204 mal 115 Zentimeter große Leinwand Der Christus des Hl. Johannes vom Kreuz , eine hoch dramatische Bildinszenierung aus dem Geiste von Luis Buñuel und Cecil B. De Mille. Die Geburt, die Passion, die Kreuzigung und der Tod sind die Stationen in der Geschichte Christi, die den Künstlern am sinnfälligsten schienen als Motiv, die sie inspirierten zu Darstellungen und Erzählungen, in denen, jenseits einer mehr oder minder verschlüsselten Metaphorik, ihre eigene Erfahrung einging in die Geschichte Christi (dem inkommensurablen Wunderspektakel der Wiederauferstehung war wohl nur Grünewald gewachsen).

Das ist der Punkt, an dem Neil MacGregors Argumentation einsetzt: Die von der hoch entwickelten christlichen Ikonografie gründlich durchleuchteten und entrückten Kunstwerke will er in den ursprünglichen Glaubenszusammenhang zurückholen und dadurch dem Betrachter von heute wieder für das eigene Leben verfügbar machen. Die Erfahrung von Mütterlichkeit, von Leid und Mitleid, Unschuld und Verbrechen, Glück und Verlust, Schmerz und Überwindung gehört zentral zum christlichen Glauben, davon handeln die Texte und Bilder. So betrachtet, können Menschen des 21. ebenso gut wie die des 17. Jahrhunderts hier Teile ihrer eigenen Geschichte entdecken und, wenn sie wollen, einen Zusammenhang erkennen, der dem Leben eine andere Dimension eröffnet.