Hans-Werner Sinn und Heiner Flassbeck haben in der ZEIT vom 2. und 9. März 2000 kontroverse Standpunkte zu den Konsequenzen des Wettbewerbs von Hocheinkommensländern (der "Norden") mit Niedrigeinkommensländern (der "Süden") auf die Arbeitskräfte in Hocheinkommensländern und die Zukunft des Sozialstaates ausgetauscht. Sinn leitet in statischer Sicht aus der Gültigkeit des Gesetzes des Faktorpreisausgleichs heraus einen Lohndruck beziehungsweise Arbeitslosigkeit für den Norden ab, wenn Arbeit aus dem Süden in den Norden abwandert, Kapital in den Süden fließt und arbeitsintensiv hergestellte Güter aus dem Süden in den Norden exportiert werden. Flassbeck bestreitet dies mit dem empirischen Hinweis auf Handelsbilanzüberschüsse des Nordens. Die Überschüsse signalisierten das Gegenteil der Sinnschen These, Arbeitsplatzgewinne im Norden und keine Verluste.

Statik à la Hans-Werner Sinn und Saldenmechanik à la Heiner Flassbeck verblassen allerdings, wenn man das Bild mit technischem Fortschritt und Kapitalverkehr anreichert, sich also um eine dynamische Sicht bemüht. Dann kann man auch die Vielzahl von empirischen Studien würdigen, die überwiegend den Handel vom Stigma des Arbeitsplatzvernichters befreien und die Verantwortung für eine verschlechterte Wettbewerbsposition ungelernter Arbeit stattdessen dem arbeitssparenden technischen Fortschritt und den sinkenden Sachkapitalkosten zuweisen. Diese Kräfte bewirken, dass sich viele Industriestaaten auf Güter spezialisiert haben, die viel qualifizierte Arbeit und Sachkapital zur Herstellung benötigen und im Wachstumspozess auf eine kräftigere Nachfrage stoßen als die mit wenig qualifizierter Arbeit hergestellten Güter. Zudem stehen dem Faktorpreisausgleich Barrieren entgegen: Transport-, Such- und Informationskosten, das Arsenal des Protektionismus, das sich vor allem gegen arbeitsintensive Güter aus dem Süden richtet, Präferenzen der Nachfrager für heimische Güter sowie, jenseits des Güterhandels, alle Einwanderungshürden.

Wenn weder der Warenstrom aus dem Süden noch der bislang aufgehaltene Menschenzustrom aus dem Süden als Menetekel für die Gefährdung des Sozialstaates herhalten kann, wie es Hans-Werner Sinn unterstellt, bleibt dann noch ein Negativum aus den Wirtschaftsbeziehungen mit dem Süden? Die Wachstumstheorie sagt nein, und sie hat Recht. Die überlegene Anfangsausstattung des Nordens mit Wissen und Know-how verhilft auch dem ergänzenden Faktor ungelernte Arbeit zu Beschäftigungschancen, hält Sachkapital im Lande und fördert den Technologiefortschritt. Nicht zufällig findet der Großteil des Sachkapitalverkehrs zwischen den Ländern des Nordens statt und kann der kapitalarme Süden trotz niedriger Löhne nicht so viel Risikokapital anziehen, wie es nach dem Einkommensgefälle und der erwarteten höheren Kapitalproduktivität im Süden zu erwarten wäre. Von einer Abwanderung des Kapitals in die Niedriglohnländer kann keine Rede sein. Wie schlecht stünde es erst um die Zukunft des Sozialstaates, wenn diese Dynamik der Kapitalbildung innerhalb der Länder des Nordens erlahmen würde? Und wie schlecht stünde es um ihn, wenn sich aus der Sinnschen Gedankenverbindung von Globalisierung und Gefährlichkeit die Schlussfolgerung ergäbe, man müsse den Süden in seinem Wachstumsprozess abbremsen? Der Norden würde sich seiner Zukunftsmärkte berauben.

Zu Trugschlüssen gibt auch die Saldenmechanik von Heiner Flassbeck Anlass. Im Wachstumsprozess ist es normal und kein Indiz für eine Fehlsteuerung, dass der Süden Leistungsbilanzdefizite aufweist, weil sein Investitionspotenzial höher ist als die eigenen mobilisierbaren Ersparnisse. Damit werden Wachstumsengpässe im Süden beseitigt, vorausgesetzt, der Kapitalimport erhöht die Produktivität des dortigen Kapitalstocks. In den meisten Ländern Ostasiens und Lateinamerikas war dies der Fall. Aus Defiziten des Südens einen Arbeitsplatzgewinn des Nordens zulasten des Südens zu konstruieren, bleibt unerfindlich, es sei denn, man denkt in Nullsummenkategorien; eine eigenartige Vorstellung im Zeitalter der Globalisierung.