Paris/Lyon

Seit einem Monat wird in französischen Schulen demonstriert und gestreikt. In den mittelgroßen Städten des Languedoc-Roussillon wie Nimes, Perpignan und Montpellier gehen Eltern und Lehrer immer wieder zu Tausenden gemeinsam auf die Straße. In der Normandie, im Gers und in den Pyrenäen besetzen sie Grundschulen und Verwaltungsgebäude. Sogar in den Berufsschulen, die sonst nie von sich reden machen, streiken 20 bis 60 Prozent der Lehrer. Vorläufiger Höhepunkt der Protestbewegung soll ein landesweiter gemeinsamer "Aktionstag" am 16. März sein.

Die Wut richtet sich vor allem gegen den Minister für Bildung und Forschung, Claude Allègre. Er hatte seine Amtszeit im Frühjahr 1997 mit dem Satz eröffnet: Die zentralisierte Schulverwaltung mit ihren 1,3 Millionen Beschäftigten sei ein "fett gewordener Steinzeitelefant", der abgespeckt und auf Trab gebracht werden müsste. Viele Lehrer haben das als Kriegserklärung, viele Eltern hingegen als Versprechen für eine bessere, modernere Schule verstanden. Drei Jahre danach nun fühlen sich die Eltern in ihren Hoffnungen getäuscht - und die Lehrer in ihren Befürchtungen bestätigt. So gehen sie zwar mit sehr unterschiedlichen Anliegen, aber dennoch gemeinsam auf die Straße.

Immerhin sind sich in einem Punkt alle einig: Es gibt in Frankreich zu viele Schulversager. Rund ein Viertel aller Grundschüler lernt nicht richtig lesen und schreiben. Die OECD hat in einer umstrittenen Studie vor kurzem behauptet, vierzig Prozent aller erwachsenen Franzosen seien funktionale Analphabeten. Bereits vor zehn Jahren ist ein Förderprogramm für Schulen mit besonders schlechten Ergebnissen beschlossen worden. Inzwischen ist es auf 1,2 Millionen oder rund ein Sechstel aller französischen Schüler ausgedehnt. Trotzdem, so hat eine jüngst veröffentlichte Untersuchung gezeigt, hat ein Kind, das in den ersten Jahren unterdurchschnittliche Leistungen erbringt, kaum eine Chance, seinen Rückstand jemals wettzumachen - auch nicht, wenn seine Schule in einem der 576 geförderten Bezirke liegt.

Die Elsa-Triolet-Schule bei Lyon ist eine Mittelschule, in der sich die Probleme auf typische Weise bündeln. Sie liegt in einer großen Wohnsiedlung, die meisten Eltern sind im Ausland geboren und leben von Sozialhilfe. Für Philippe Mérieu, den Direktor des staatlichen Pädagogikinstituts, zeigt sich hier im Extrem die Unfähigkeit des französischen Staats, mit einem seiner größten strukturellen Probleme umzugehen: der Einbindung von Kindern aus den unteren Gesellschaftsschichten in die Entwicklungen von morgen.

Viele Eltern schicken ihre Kinder lieber in Privatschulen

Die Schwierigkeiten beginnen damit, dass kaum ein Lehrer in den Förderbezirken unterrichten möchte - trotz Gehaltsprämien und kleineren Klassen. Achtzig Prozent aller Lehrer, sagt Mérieu, beantragen sofort eine Versetzung, wenn sie etwa an die Elsa-Triolet-Schule geschickt werden. Die Kinder dort gelten als unzähmbar. "Manchmal komme ich gar nicht zum Unterrichten, weil ich die Zeit damit verbringe, den Kindern zu sagen, sie sollen sich hinsetzen", klagt eine 25-jährige Mathematiklehrerin. Die Schulbehörde schickt ausgerechnet die jungen, unerfahrenen Lehrer in die Problemzentren. Im Schulbezirk Lille zum Beispiel - einer alten Industrieregion mit all den entsprechenden Strukturproblemen - liegt der Altersdurchschnitt der Lehrer laut Mérieu bei 30 Jahren (Frankreich insgesamt: 48,8 Jahre). Wer als Lehrer verheiratet ist, eigene Kinder und etliche Dienstjahre vorweisen kann und noch dazu Gewerkschaftsmitglied ist (etwa 40 Prozent), kann es sich besser einrichten.