Wenn es einen Helden der Massenkultur gibt, der den Geist des Kapitalismus begriffen hat, dann ist es James Bond. "Ich rede doch nicht mit einem Mann, der an das Nichts glaubt", sagt Bond zu seinem Gegenspieler, worauf dieser antwortet: "Und Sie glauben an das Kapital?" Das ist die Lage. Folgt man dem Regisseur Michael Apted im neuesten James-Bond-Film, dann zerfällt der obsiegende Kapitalismus in die Elementarteilchen von Geld und Macht. Nachdem ihm der Feind abhanden gekommen ist, mutiert der Westen zur Schlange, die sich selbst auffrisst. Früher war die Welt zweigeteilt, heute ist sie in sich zwiegespalten. Eine gigantische Säge trennt Bonds Roadster in zwei Hälften; im Zentrum der westlichen Aufklärung, im Hauptquartier des MI 5, explodiert eine Bombe. Bond jagt los und begegnet nur dem anderen seiner selbst. Gewalt ist die Kehrseite der Sinnlosigkeit.

James Bond ist nicht allein. Immer zahlreicher werden die Filme und Bücher, die ein Unbehagen an der westlichen Lebensweise artikulieren und sich weder mit dem taktischen Optimismus der "Neuen Mitte" noch mit postmodernen Allerweltsweisheiten beruhigen wollen. Wie Michael Apted untersucht auch der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis in seiner Romansatire Glamorama die untergründige Beziehung zwischen Sinnverlust und Gewalt. Auf den ersten Blick geht es nur um die Welt der Supermodels, die sich von Laufsteg zu Laufsteg quälen, ihre Langeweile in die Phasenmomente eines idiotischen Events zerlegen und unablässig Interviews geben, die von einem bildersüchtigen Fernsehpublikum als Anweisung zum richtigen Leben kreischend entgegengenommen werden. Zu sagen haben sie nichts. Wenn die cool-hysterischen Models den Mund aufmachen, dröhnt es wie das Selbstgespräch der differentiellen Konsumästhetik am diensthabenden Körper. Ich bin ein Ich, weil ich Prada trage und nicht Armani.

Um das zu zeigen, unterzieht sich Ellis der monströsen Anstrengung, 700 Seiten lang die Energien der Sprache unter der Sonne des Lifestyle verdampfen zu lassen, um die Welt in ein sinnloses, kommerzialisiertes Tableau zu verwandeln. Rent a friend, buy a religion. Nachdem alle humanistischen Selbstbilder im Lavastrom der Marken und Moden verschwunden sind, verkommt jeder Dialog zur Verständigung über das Ausmaß wechselseitiger Verachtung. Es ist eine Hölle, die ihren Bewohnern als Paradies erscheint. An die Stelle der alten Sprachbilder tritt der Sex; er wird zum neuen Hypercode, zur Naturbasis aller Äußerungen. Zwischen all dem Bewusstseinsplunder fliegen verbale Antiquitäten und metaphysische Brocken. Eine Mücke wird mit einem Kruzifix erschlagen. "Mein Gott! Erbarmen, Erbarmen."

Ihrer Sprache beraubt, taumeln Ellis' Helden durch ein Fegefeuer aus Zweideutigkeit und Konfusion. Die Geliebte ist eine Mörderin, der Freund ein Verräter und der Vater der Hintermann. Im semiotischen Inferno von Glamorama bedeutet jedes Wort alles und das Nichts, Liebe vielleicht Tod und Treue vielleicht Verrat. Die Wörter legen falsch Zeugnis ab, sind so promiskuitiv wie das Geld oder verdämmern in der Unverständlichkeit. Und am Ende detonieren auch in Ellis' Roman die Bomben, als solle die sprachverhexte American Beauty- Gesellschaft zum Schweigen gebracht werden, um noch einmal das Reale, die wirkliche Bedeutung, zu erzwingen, die eine und einzige, aber wiederum mörderische Wahrheit. Terror ist der Vakuum-Cleaner einer bedeutungslosen Welt.

Mit einer apokalyptischen Zerstörung endet auch David Finchers Film Fight Club. Die Nähe zu Ellis ist verblüffend. Auch hier explodiert die Gewalt in einer sinnentleerten Zivilisation, auch hier ist die Lifestyle-Welt eine toxische Ideologie, die die Sprache "säubert" und dehumanisiert. Auch Finchers Held, gespielt von Eward Norton, lebt in der Eiswüste der Gleichgültigkeit, er ist eine arktische "Person", die sich im Supermarkt amerikanischer Lebensersatzstile täglich neu erfinden muss. "Ich blättere durch Möbelkataloge und frage mich, welches Geschirr mich als Person definieren könnte." Auch Finchers Sarkasmus beobachtet die Agonie von Sprache und Bedeutung, auch bei ihm gibt es keinen Dialog, der diesen Namen verdient; nur Liebes- und Sprechübungen in Krebs-Selbsthilfegruppen, jähe Umarmungen, mit denen Todgeweihte übereinander herfallen und sich ewiger Anteilnahme versichern.

Beziehungen berechnen sich nach dem menschlichen Nettoprofit

Fincher zeigt sehr genau, warum es den Insassen der Singlewelt die Sprache verschlägt, warum ihre Gefühl taub sind oder sie sich ihre Liebe nicht gestehen können. Wie in William Gaddis Roman JR bestimmen nämlich Verwaltung und Ökonomie, Tauschwert und Rechtskalkül die Kommunikationen der Gesellschaft und bilden die Sittlichkeit der kapitalistischen Welt, ihre zweite Haut und das unsichtbare Band aller Handlungen. In dieser Welt lebt auch der aschfahle Held; er ist ein "Schätzer", Nettoprofitrechner eines Autokonzerns, der taxiert, ob es bilanztechnisch günstiger ist, fehlerhafte Modelle zurückzurufen oder die Hinterbliebenenrente für die Unfalltoten zu zahlen, damit Frieden ist - Rechtsfrieden.