Am Tag nach der Generalprobe sitzt der Intendant in seinem Lieblingslokal. Übernächtigt wirkt er, aufgewühlt, hochgestimmt. Eine große Anspannung scheint von ihm abzufallen. "Dieser Ring", sagt er, ist das am wenigsten Abgesicherte, das ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Keiner, aber auch keiner konnte voraussehen, wie das am Ende wird. Tausend Dinge hätten das Projekt zum Scheitern bringen können - radikal zum Scheitern!" Und nun ist es geschafft, der neue Stuttgarter Ring des Nibelungen ist abgeschlossen.

Gerne werden in diesem Augenblick die Rheingold -Worte zitiert: "Vollendet das ewige Werk ..." Aber hier wäre das ganz falsch - von wegen "ewiges Werk", von wegen "hehrer, herrlicher Bau". Der Intendant der Staatsoper Stuttgart, Klaus Zehelein, hat nämlich den Bau gesprengt, hat sich abgewendet von der, wie er sagt, "Ideologie des Werkbegriffs" und Richard Wagners Ring des Nibelungen in Stücke splittern lassen. Sein Ring ist eigentlich kein Ring mehr und deshalb für ihn heute der einzig mögliche Ring . Und weil es ihm gelungen ist, diese sehr theoretische, dramaturgisch-dialektische Volte ganz konkret als Theater zu verwirklichen, kann man in seinem Gesicht eine große Befriedigung ablesen.

Zehelein hat für sich einen alten Fluch gelöst. Schon 1987, als er Dramaturg an der Oper Frankfurt war und gemeinsam mit Michael Gielen und Ruth Berghaus einen Ring schmiedete, fühlte er sich gefesselt vom "Zwang der Verweise" in der Tetralogie, von den verschlungenen Verbindungslinien über die vier Teile hinweg, von den Verschachtelungen der mythischen Handlungsorte, Figurenkonstellationen, Requisiten, von einem Bezugs- und Bedeutungssystem, das Wagner zudem musikalisch über 16 Stunden hinweg mit seinem psychologischen Netzwerk der Leitmotive festgezurrt hat.

Gefangen wie Laokoon sah sich Zehelein. "Ich bin schier durchgedreht." Damals sei ihm ganz klar geworden, dass Wagners Totalitätsanspruch, der Zwang, den Ring als ein geschlossenes Ganzes zu entwerfen, in einen Teufelskreis münde und Verluste mit sich bringe. Der präzise Blick auf das Einzelne und den Einzelnen falle der Totalen zum Opfer. "Und überhaupt", fragt er, "was bedeutet es heute, eine Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen, in einer Realität der zersplitternden Erfahrungen, einer Zeit des Abschieds vom beispiellosen Aufbruch des 19. und 20. Jahrhunderts zur Vereinheitlichung und Bündelung von Macht, Kapital und Wissen, wo auch die Teleologie von Geschichte, die Zielgerichtetheit historischer Entwicklung so fragwürdig geworden ist? Ich kann doch nicht auf dem Theater etwas einklagen, was sich mit meinem gesamten Denken und Handeln nicht mehr vereinbaren lässt."

Den Stuttgarter Ring haben deshalb vier verschiedene Produktionsteams inszeniert um Joachim Schlömer (Rheingold), Christof Nel (Walküre), Jossi Wieler (Siegfried) und Peter Konwitschny (Götterdämmerung) - ohne konzeptionelle Absprache untereinander. Nur die musikalische Leitung liegt in einer Hand: Lothar Zagrosek dirigiert alle Stücke . Zehelein hat mit dieser Entscheidung agiert wie Wotan im Siegfried. Er hat all seine Hoffnungen in ein Projekt gesteckt, das sich einer übergeordneten Kontrolle entzieht. Wie Wotan als letzte Chance seinen Siegfried als unabhängigen, verantwortungslosen, freien Helden in die Welt schickt, so hat Zehelein seine Regisseure arbeiten lassen: freie Helden, die das Fürchten vor dem Gesamtkunstwerk nicht gelernt haben. Als Klammer wirken, neben der Musik, nur die Stuttgarter Produktionsbedingungen. Das Opernhaus strahlt zurzeit eine enorme Vitalität aus, verfügt über funktionierende Organisationsstrukturen, ein bestens disponiertes Orchester, ein findungsreiches Besetzungsbüro und eine hochgerüstete Dramaturgie als Think Tank im Hintergrund.

Kein zusammengedachter Erzählbogen vom Urschimmern des Rheingolds bis zum Feuerschein der Götterdämmerung, kein grandios ausgreifender Welttheaterentwurf, sondern Stückwerk - damit muss das Stuttgarter Publikum erst einmal klarkommen: Dass beispielsweise der Walkürenfelsen an jedem Abend anders aussieht. In ein schmuddeliges Verlies wird Brünnhilde am Ende der Walküre verschlossen, geblendet und voyeuristisch preisgegeben vom Feuerzauber mehrerer folterheller Scheinwerfer, aber in einem großbürgerlich-luxuriösen Schleiflackschlafzimmer wird sie im Siegfried wieder geweckt, und in der Götterdämmerung sitzt sie mit ihrem Helden im Ambiente eines bumsfidelen Volkstheaterstücks, auf blanken Bühnenbrettern, vor einer kitschigen gemalten Bergszenerie, umraschelt vom Feuerzauber flatternder Lamettabüschel.

Schwere Verwerfungen und Brüche tun sich da auf. Und wer will, kann in den Bruchkanten lesen: Der Walkürenfelsen ist Ort der ganz großen Liebe, der überschießenden Emotionen, aber auch Richtstätte der gemeinsten Demütigungen. Diese Doppelbödigkeit haben alle drei Regisseure gleichermaßen umzusetzen versucht. Ihre Bilder schillern auf jeweils eigene Weise zwischen Liebesglanz, Kitsch und Abgrund.