Die neue "Volksaktie" Infineon hat erst einmal für jede Menge Volkszorn gesorgt. Hunderttausende Kleinanleger ärgern sich nach dem Börsengang der Siemens-Tochter, weil sie bei der großen Lotterie leer ausgegangen sind. Bild vermutet gleich Mauschelei, Aktionärsschützer geißeln das ungerechte Losverfahren und rufen nach einer gesetzlichen Regelung für die Zuteilung neuer Aktien. Fehlt nur noch, dass der Kanzler in die Frankfurter Börse stürmt und unter "Gerhard! Gerhard!"-Rufen dem Volk gibt, was es verlangt - mühelosen Reichtum für alle!

Der Frust der Anleger ist verständlich. Aber muss deshalb der Gesetzgeber einschreiten? Bisher dürfen sich die Börsenkandidaten nach dem Grundsatz der Vertragsfreiheit aussuchen, wem sie ihre Anteile zu welchen Konditionen verkaufen. Ein Grundrecht auf Zeichnungsgewinne gibt es nicht. Die Unternehmen entscheiden, wie viele Papiere Fonds und Privatanleger bekommen, was ins Ausland wandert und wie viele Aktien für Mitarbeiter und Geschäftspartner reserviert werden. Theoretisch hätte Infineon auch nur Handybesitzer beglücken können, ein Brillenproduzent nur Kurzsichtige. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel verlangt nur eines: Das Zuteilungsverfahren muss offen gelegt werden.

Sollte jeder, der gezeichnet hat, wenigstens ein paar Anteilsscheine bekommen - auch wenn Depotgebühren und Spesen die Gewinne auffressen? Oder sollten die neuen Aktien versteigert werden? Das spült am meisten Geld in die Kasse, und dennoch hat sich für diese Variante bisher nur die kleine Softwareschmiede Trius entschieden. Man könnte die Anleger vor ihrer Zuteilung auch auf ihre Kenntnisse über das Unternehmen prüfen, wie beim Börsengang der Internet-Gemeinschaft fortunecity. Viele Halbleiter-Enthusiasten dieser Tage hätten dabei sicher alt ausgesehen. Möglich ist es auch, bei hoher Überzeichnung die Preisspanne der jungen Aktien nachträglich anzuheben. Das hat die Ision Internet AG in dieser Woche gewagt - obwohl viele Experten Proteste der Kleinanleger befürchten. Es ist klar: Unternehmen wie Anleger stecken in einem Lernprozess und müssen Erfahrungen sammeln. Dazu gehören auch Enttäuschungen.