Das 142 Jahre alte Oxford English Dictionary gilt als Bibel der Anglisten. Das 20-bändige Wörterbuch, kurz OED genannt, untermauert seine Definitionen mit Millionen Beispielen aus der Literatur. Unzählige Freiwillige haben Zitate beigesteuert. Denn unter Anglophilen gilt es als hohe Auszeichnung, einen Beitrag im OED zu landen.

Bisher waren solche Gemeinschaftsprojekte selten. Das könnte sich bald ändern. Nicht nur erstklassige Software wie das Betriebssystem Linux wird inzwischen von Tausenden Freiwilligen geschrieben. Zunehmend produzieren ehrenamtliche Mitarbeiter auch attraktive Online-Inhalte. Manche Experten behaupten, dieses "Open Source" genannte Entwicklungsmodell werde bald eine vergleichbare Rolle spielen wie einst das Fließband in der Industrie.

Das Internet beflügelt den neuen Trend und erleichtert weltweit freiwillige Kooperationen. Früher war etwa das Sammeln von OED-Zitaten aufwändig: Leser schickten sie an den Verlag, dort wurden sie auf Karteikarten geschrieben und von Hand geordnet. Heute genügt das Eintippen eines Zitats beim Web-Dienst des OED, der es automatisch speichert.

Die fast kostenlose Kommunikation übers Netz ermöglichte auch das Open Directory, das erfolgreichste Beispiel für kollektiv entwickelte Online-Inhalte. Dieser Dienst gehört der Softwareschmiede Netscape und ist eine Art Adressbuch für interessante Web-Angebote, vergleichbar mit dem Verzeichnis von Yahoo!. Freiwillige halten jeweils ein Stichwort oder einen Themenbereich auf dem neuesten Stand. Der Erfolg des Open Directory hat alle überrascht. Ein Jahr nach dem Start verwalten über 22 000 ehrenamtliche Mitarbeiter fast 237 000 Stichwörter mit über 1,5 Millionen Netzdiensten. Mittlerweile nutzen neben Netscape auch AOL, Alta Vista und Lycos das Verzeichnis. Damit hat es ein größeres Publikum als Yahoo!.

Mit solchen Zahlen kann Slashdot.org zwar nicht aufwarten. Aber der Dienst gilt als Musterbeispiel für Open Journalism. Er bietet news for nerds (Computerfreaks). Finden Leser einen interessanten Artikel im Netz, dann schicken sie Slashdot-Gründer Rob Malda eine E-Mail. Gefällt ihm der Fund, stellt er einen kommentierten Link auf die Slashdot-Web-Seite. Andere Leser können sich dazu äußern, oft entsteht eine lebhafte Online-Diskussion. Inzwischen ist die Seite Pflichtlektüre für Computerjournalisten. Und andere versuchen, die Idee zu kopieren. Dan Gillmor, Technik-Kolumnist der kalifornischen Zeitung San Jose Mercury News, startete kürzlich sein eJournal. Er veröffentlicht kurze Kommentare im Web-Dienst seiner Zeitung, die Leser online diskutieren können. Das Material nutzt Gillmor für seine Kolumnen in der Zeitung.

Weder Open Directory noch Slashdot sind darauf aus, Geld zu verdienen. So kann jeder die Daten des Netzverzeichnisses herunterladen und für seinen eigenen Web-Dienst nutzen - solange er die Quelle angibt. Allerdings profitieren Netscape und VA Linux, die Muttergesellschaft von Slashdot, indirekt von den Diensten: Sie helfen ihnen, Online-Anzeigen zu verkaufen. Die Mitarbeiter beider Projekte suchen vor allem Anerkennung. Verwalter von Themenbereichen des Netzverzeichnisses dürfen sich auf einer eigenen Web-Seite vorstellen. Einige "Redakteure" führen ihr Engagement beim Open Directory stolz in ihrem Lebenslauf auf.

Eine Ehre, die sich nicht jeder verdienen darf. Beide Projekte verfügen über eine ausgeklügelte Qualitätskontrolle. Mitarbeiter des Netzverzeichnisses müssen sich offiziell bewerben und können anfangs nur einen unwichtigen Bereich verwalten. Erfahrene "Redakteure" bewerten die Arbeit von Neulingen und entscheiden über deren Zugang zu wichtigeren Stichworten. Wer schlecht arbeitet, wird gefeuert.