Suleyken/Holdowec

Suleyken schmiegt sich weich an die Natur. Spiegelt sich in einem der 3000 masurischen Seen, in dem Krebse, Barsche, Hechte, Maränen leben und sich mehren, nur so, ohne Zucht. Um Suleyken rankt sich eine schöne Legende, fast wie um die Loreley. "Im Dorf hinter dem See", heißt es in der neueren polnischen Chronik des Nachbarortes |wi*tajno, der früher Schwentainen hieß, "lebte einst Siegfried Lenz, der später ein bekannter deutscher Schriftsteller wurde und das Buch So zärtlich war Suleyken schrieb".

Die meisten der 120 Bewohner fühlen sich als tote Seelen. Die Alten warten auf die winzigen Renten, die Jüngeren auf Arbeit. Die finden sie manchmal im Sommer, im Wald. Im verwitterten Holzkästchen für Bekanntmachungen hängt jetzt nur eine "Aufforderung zum Ball - Orchester EDEN - Eintritt 50 Zloty pro Paar." Das ist das Zehntel einer Rente. Suleyken geht nicht zum Ball im Nachbarort.

"Besser nicht reden", sagt der Alte über den Zaun. Doch dann presst er durch die Zahnlücken: "Uns informiert ja niemand. Hier sind alle arm. Nur einer ist reich. Der ist Händler." Abschätzig sagt es der Alte. Er hat bis 1992 anständig gearbeitet. Als Mechaniker auf der Staatsfarm. Dann brach die zusammen. Er war gerade 50. Jetzt sieht er aus wie 70. "Das neue Hotel da unten am See", er hebt den Stock, "steht leer, pleite, niemand kommt".

Agrotouristen, das Wort gefällt dem früheren Bäckergesellen. Anders als der Alte hofft er auf sie. Seine Bäckerei gibt es längst nicht mehr. In Pantoffeln ist er mitten auf die gefrorene Dorfstraße gekommen. Fast ein Held von Lenz. Nur im Winter des Missvergnügens: "Die Bauern werden alle liquidiert. Vielleicht wird es ja besser, wenn die Agrotouristen kommen ..." - "Und was erwartet Suleyken vom EU-Beitritt?" - "Armut." Er möchte, dass die Not dem Fremden kompetenter erklärt wird. Er läuft über die Straße ins Haus der Dorfvorsteherin. Sie hat sich neugierig in der Tür gezeigt. Aber sie ist nicht zu sprechen. So ängstlich ist Suleyken.

Suleyken ist kein Einzelfall. Im Landkreis findet bald jeder Dritte keine Arbeit mehr. Als der heutige Bürgermeister von |wi*tajno vor 20 Jahren als Tierarzt zuzog, teilte er sich die Arbeit mit sieben anderen Veterinären. Die Staatsfarmen im traditionell großflächigen Masuren hatten volle Ställe und ein warmes Plätzchen für jede helfende Hand. Nach der Wende brachen die LPG und das Leben auf Pump zusammen. Und damit auch die sozialen Dächer für ganze Heere von Landarbeitern. In |wi*tajno blieb nur eine Tierärztin.

Selbst für Musterfarmen wie die Rolhandel GmbH, die aus einem Teilbetrieb des früheren Staatsgutes Lötzen (polnisch: Gizycko) hervorging und sich noch während des Umbruchs die besten Ausrüstungen sichern konnte, bleibt der Wiederaufstieg ein riskantes Unterfangen. Die jetzt 30-köpfige Truppe der Poststaatsfarmer tappt sich nach Hörensagen an EU-Vorschriften heran, entsorgt die Gülle bodenschonend, gibt den Schweinen mehr Kräuter als Hormone. "Aber wir suchen alleine - wie Blinde. Es gibt keine Anleitungen", räumen die Farmer beim Gang durch die Schweinemast ein. Besser half ihnen im vergangenen Jahr der polnische "Bauernkrieg" mit den wochenlangen Blockaden gegen die hoch subventionierten EU-Produkte, die den polnischen Agrarmarkt überschwemmen. Die Regierung in Warschau sah sich am Ende gezwungen, den Landwirten höhere Ankaufpreise für Schweinefleisch zuzusichern und den Weizenimport vorübergehend zu stoppen.