Noch bevor es richtig losgeht, wissen alle: So wie heute Abend wird es nie mehr sein. "Alles Kokolores", dröhnt der Redner in den Saal. Der Sozialstaat sei nicht zu teuer. Zu wenig Einnahmen gebe es, und schuld daran sei ganz allein die Arbeitslosigkeit. Ein letztes Mal redet ein Politiker vor seiner Basis über Renten und Gesundheit, über Gerechtigkeit und - da ist der Beifall ganz besonders heftig - über "die Seele der Partei": Rudolf Dreßler.

Neunzig Besucher der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (Afa) essen Fisch, trinken Bier, lauschen gebannt. In wenigen Tagen wird Dreßler, der Schriftsetzer aus Wuppertal, als Chef des SPD-Arbeitnehmerflügels abtreten. Vermutlich im August wird er wohl Botschafter in Israel. Einige sind wehmütig an diesem Abend, andere mitleidig: "Für den Rudi", heißt es, "ist es wohl besser so."

Die Wirtschaftsverbände applaudieren, die Opposition reibt sich erstaunt die Augen: Die Umverteilung kommt, nur anders als geplant. Von einer stillen "Kulturrevolution" ist bei den Sozialdemokraten die Rede. "In 16 Monaten Regierungszeit", sagt einer von Schröders Parteistrategen, "hat die SPD sich mehr verändert als in 16 Jahren Opposition." Auch Schröders Green-Card-Offerte an die Softwarebranche hätte in anderen Zeiten die Traditionsriege der SPD aufgebracht - diesmal kamen aus der Fraktion nur leise Bremsversuche. Feindliche Übernahmen, Fusionen, Verlust von mindestens 16 000 Arbeitsplätzen durch den Zusammenschluss der größten deutschen Banken - bei den Sozialdemokraten findet das in diesen Tagen keinen großen Widerhall.

"Erfolg stimmt friedlich", erklärt das einer aus der Ministerriege. Außerdem: "Angst vor neuem Regierungschaos diszipliniert." Tatsächlich wirkt der Schock der ersten glücklosen Regierungswochen auch bei denen nach, die mit der neuen Linie nicht völlig einverstanden sind. Öffentlicher Widerspruch ist out. Der linke Parlamentarier und frühere DGB-Kreisvorsitzende Peter Dreßen zum Beispiel will Kritik am Regierungskurs künftig nicht mehr in Fraktionssitzungen vortragen, "weil dann am nächsten Tag wieder alles in der Zeitung steht und es nicht darum gehen kann, den Kanzler zu beschädigen".

Der Bundeskanzler flirtet mit der Zivilgesellschaft

Es geht allerdings nicht nur um Regierungstechnik und Machterhalt. "Viele in der SPD spüren, dass die alte Rhetorik von Kündigungsschutz bis Mitbestimmung nicht mehr funktioniert - ohne dass klar ist, was an deren Stelle treten soll", sagt Wolfgang Streeck, Parteienkenner und Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Was ist sozial, was ist gerecht, was wäre in Deutschland eine "faire" Politik, von der amerikanische und angelsächsische Politiker wie Bill Clinton und Tony Blair so häufig reden? Eine Antwort haben die Sozialdemokraten auf diese Fragen längst noch nicht, sie streiten bloß nicht mehr so laut. Immerhin hat der Kanzler die Suche nach einem neuen Gerechtigkeitsbegriff zur Chefsache erklärt.

Sein neues Zauberwort heißt "Zivilgesellschaft" oder "zivile Bürgergesellschaft". In seiner Parteitagsrede im Dezember hat der Kanzler diese Begriffe erstmals ausprobiert. Schröders Kanzleramtsstrategen versuchen in diesen Tagen, aus dem allgemeinen Etikett einen möglichst konkreten Politikentwurf zu entfalten. Dafür hatte Schröder neulich ein Dutzend Vordenker im Kanzleramt zu Besuch - darunter Soziologen wie den hannoverschen Professor Oskar Negt, seinen Münchner Kollegen Ulrich Beck und Rolf Heintze von der Ruhr-Universität in Bochum, aber auch den Parteiveteranen Erhard Eppler und Manfred Güllner, Meinungsforscher beim Forsa-Institut. Spätestens am 2. Mai, wenn Staatschefs aus aller Welt in Berlin sind, um über die Rolle des Staates zu debattieren, würde der Kanzler gern eine eigene Vorstellung vom Sozialsystem der Zukunft präsentieren.