Parteipolitiker, die Geld verschieben, Wirtschaftschefs, die sich mit Abermillionen abfinden lassen: Politik und Wirtschaft bieten täglich Anlass, über Unmoral zu klagen. Ehrlichkeit, Unbestechlichkeit, Bescheidenheit, Mitmenschlichkeit scheinen unterzugehen. Doch darüber wurde zu allen Zeiten geklagt, und stets entstanden die Tugenden wieder aufs Neue. Moralische Substanz ist eine Ressource, die nicht nur verbraucht, sondern immer wieder geschaffen wird.

Zum Beispiel dort, wo Bürger Aufgaben des Sozialstaats übernehmen. Fast 50 000 Selbsthilfegruppen in Deutschland unterstützen Bedürftige. Bürger gründen Krankenpflegevereine, bauen Selbsthilfenetze für Senioren auf, organisieren Sterbebegleitung, richten Tauschbörsen oder Armenküchen ein: Während der Sozialstaat unter seinen Lasten ächzt, wächst der Gemeinsinn.

Es wächst die Zahl freiwilliger Helfer, besonders in den kleinen Initiativen. Bei aller Bereitschaft, mit Kirchen und Wohlfahrtsverbänden zusammenzuarbeiten, wahren viele Neufreiwillige doch Distanz zu den Großorganisationen. Zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen wird nicht strikt unterschieden. Die Aktiven stehen dazu, dass sie nicht nur anderen helfen wollen, sondern sich dabei selbst einen Dienst erweisen, und bestünde er lediglich darin, Zugehörigkeit zu erleben. So entsteht aus Gegenseitigkeit ein Füreinander, soziales Lernen voneinander. Moralischer Mehrwert.

In die neuen Sozialgemeinschaften wird der Einzelne nicht hineingeboren, er wählt sie. Erweisen sich die Initiativen nicht als kritik- und reformfähig, dann fehlen ihnen bald die Mitglieder, und ihre Legitimation bröckelt. Verbindlichkeit und Toleranz zählen, Gleichberechtigung, Fairness.

Kleine Pflanzen, gewiss. Aber, man will es in diesen Tagen des Geldfiebers kaum glauben, sie wachsen selbst in der Privatwirtschaft. Unternehmen erkennen, dass sie ihren Mitarbeitern mehr sind als ein Zweckverband. Auch mancher Kunde mag es nicht, wenn das Management Börsengewinne mit Wertschöpfung verwechselt. Öko- und Sozialbilanzen werden gedruckt, manche ehrlich, manche nicht, aber die Mühe macht man sich nicht ohne Grund. Andere Firmen suchen den direkten Anschluss an die Zivilgesellschaft. Die Unterstützung der Wirtschaft für Projekte wie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung nimmt zu - mit Spenden, Expertenwissen und Anreizen für Mitarbeiter, sich dort zu betätigen. Das geschieht aus wohlverstandenem Eigeninteresse. "Tugend ist zur Energie gewordene Vernunft", wie Friedrich Schlegel meinte.

Die neue Mitmenschlichkeit ist zwar noch lange kein Grund, zu feiern, wohl aber zu handeln. Gerade für den Staat, der das Bürgerengagement nicht behindern, sondern fördern sollte, wie es bereits heute das baden-württembergische Sozialministerium tut, zum Beispiel mit Fortbildungsangeboten. Die Uno will 2001 zum "Jahr der Freiwilligen" machen. Zieht die Bundesrepublik mit?

An den Menschen soll es nicht liegen. Sie erleben zugleich die Degeneration und Regeneration der Moral. Korruption und Verlogenheit bei so genannten Vorbildern, Zumutungen coram publico: Seelenstriptease in der Talkshow, Anblökerei in Fernsehdebatten. Und das Publikum will so etwas ja offenbar. Doch zugleich etabliert sich eine Kultur der wechselseitigen Achtung. Das geschieht im kleinmaschigen Geflecht des Sozialen, in Bürgerprojekten für Obdachlose zum Beispiel, oder dort, wo sich Jugendliche für Notgebiete auf dem Balkan und in Afrika einsetzen. Blicken diejenigen, die über Moralvergessenheit klagen, überhaupt auf diese Realität?