Das wirkliche Leben drängt mit Macht ins Fernsehen, aber vielleicht sind es auch nur die Fernsehmacher, die das Leben mit der Kamera verfolgen. Das ist ihr Recht, vielleicht ihre Pflicht. Jedenfalls etablieren sich so neue Reportageformen, bei denen die altmodische Distanz zwischen dargestelltem Objekt und gestaltendem Subjekt immer kleiner wird. Denn das wirkliche Leben gewöhnt sich an das Auge der Kamera und zwinkert ihm zu. Und die Kamera zwinkert zurück.

Susanne Abel hat schon mit ihrer Doku-Soap Fahrschule die stille Neutralität der Beobachtung durch den subversiven Humor der Perspektive gebrochen; diese Art von Unterhaltung kam an. Jetzt umkreist die Filmemacherin eine intimere Zone: Bei Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben geht es um frustrierte Singles, die für Kontaktanzeigen ihre "Schokoladenseite" präsentieren, Exotinnenkataloge wälzen und sich fürs Blind Date stylen. Und wieder geht eine indiskrete Kamera mit, die den richtigen Moment mit sicherem Instinkt abpasst.

Während in den üblichen Partnersuch- und Herz-Schmerz-Shows stets der eherne Grundsatz gilt, dass der Topf gedeckelt sein will und die Liebe hinter der Showtreppe lauert, steht bei Abels Doku-Soap die gegensätzliche Devise im Raum: Wenn man sich findet, ist es ein Wunder; die Menschen sind Monstren, und sie können froh sein, wenn sie mit sich selbst auskommen. Der Partnerwunsch erscheint geradezu als Anmaßung, und da er so tiefernst auch wieder nicht vorgetragen wird, entsteht ein Raum für Spiel und Spott, in dem die Filmemacherin ihre real-life- Stars trotz der amourösen Reinfälle von ihrer Schokoladenseite zeigt. Die Indiskretion dieser Kamera ist süchtig nach dem Individuellen und deshalb mehr Doku als Soap.

Die Furcht, geschürt derzeit auch durch Big Brother , das Öffentliche könne ins Private einbrechen und es zerstören, ist unbegründet. Andersrum: Das Private strömt in die Öffentlichkeit. Es zerstört sie nicht, aber es banalisiert sie.