Auferstanden vom Kältetod

Als Anna Bågenholm abends im Regionalspital der norwegischen Universitätsstadt Tromsó mit Blaulicht eingeliefert wird, hat ihr Körper fast die Betriebstemperatur eines Kühlschranks: Statt 37 messen die Ärzte gerade noch 14,4 Grad. Die Pupillen der 29-jährigen Frau bleiben im Lichtstrahl einer Obduktionslampe weit offen und regungslos, weder Elektrokardio- noch Elektroenzephalogramm registrieren Herzbewegungen oder Hirnströme.

Anna Bågenholm ist seit mehr als drei Stunden klinisch tot, als sie auf dem Operationstisch der Notärzte landet - Hypothermie, völlige Unterkühlung. Neun Monate später sitzt die passionierte Skifahrerin blass ("Ich war nie eine Sonnenanbeterin"), aber gesund in der Cafeteria des Regionalspitals von Tromsó und erzählt ihren Rettern von ihren Winterferien in Kanada. Ihre Finger seien noch etwas steif, aber sonst fühle sie sich, als sei nie etwas passiert.

Was aus ihrer Sicht durchaus zutrifft. Das "Wunder", das die Notärzte an ihr vollbrachten, hat Bågenholm nicht mitbekommen. "An die letzten zwei Tage vor dem Unfall und die zwei Wochen danach kann ich mich nicht mehr erinnern. Das ist gut so." In der Tat. Ihre Geschichte klingt so unglaublich wie abenteuerlich.

Vergeblich bemühen sich ihre Kollegen, die Ärztin zu befreien

Am 20. Mai 1999 fährt die schwedische Ärztin Anna Bågenholm, die gerade ein Praktikum im norwegischen Narvik absolviert, mit zwei Arztkollegen abseits der gesicherten Piste Ski. Die erfahrene Extremskifahrerin rutscht auf der letzten Talfahrt, es ist 18.20 Uhr, auf einer vereisten Felskante ab und stürzt kopfüber in einen zugefrorenen Fluss. Ihre Skier lösen sich beim Sturz nicht und verhindern, dass sie völlig durch das Loch fällt, das sie beim Aufprall ins Eis gerissen hat. Die verkeilten Bretter halten sie an den Beinen fest, ihr Körper jedoch wird unter die Eisdecke gespült und bleibt dort, vom Wasser umflutet, hilflos hängen.

Vergeblich versuchen ihre beiden Kollegen, sie zu befreien. Anna ist eingeklemmt zwischen zwei Felsbrocken, kann sich aber auf den Rücken drehen und findet in einer Luftblase zwischen Wasser und Eisdecke genügend Sauerstoff, um zu atmen. 40 Minuten lang strampelt sie wie wild, dann geht ihr buchstäblich die Luft aus. Um 19.00 Uhr erschlafft ihr Körper. Regungslos bleibt sie unter dem Eis gefangen.

"Rund zwei Dutzend Fälle von extremer Unterkühlung behandeln wir jährlich", sagt Mats Gilbert, Chefarzt in der Notfallabteilung von Tromsó und einer der behandelnden Ärzte von Anna. Fällt die Körpertemperatur eines Menschen unter 28 Grad, dann sinken die Überlebenschancen massiv: Zwei von drei Opfern sterben an der Unterkühlung und ihren Folgen. Temperaturen unter 24 Grad führen in der Regel zu Bewusstlosigkeit und schließlich zum Herzstillstand.

Auferstanden vom Kältetod

"Das war auch bei Anna der Fall", sagt Gilbert. Bis die per Handy alarmierte Rettungsmannschaft anrückt, liegt Anna Bågenholm bereits seit 79 Minuten im eisigen Wasser, das sie permanent und intensiv durchkühlt.

Mit einer Kreissäge schneiden die Helfer flussabwärts ein zweites Loch ins Eis und ziehen den leblosen Körper aus dem Wasser. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassagen versuchen ihre Kollegen, beide ausgebildete Notärzte, Erste Hilfe zu leisten. Um 19.56 Uhr schließlich landet der Rettungshelikopter von der Uniklinik Tromsó mit einem Anästhesisten an Bord. Er versorgt die leblose Ärztin während des einstündigen Fluges in die Notfallstation von Tromsó mit hundertprozentigem Sauerstoff. Nach der Einlieferung ins Spital, es ist mittlerweile 21.10 Uhr, dauert es weitere 40 Minuten, bis Anna Bågenholm an eine Herz-Kreislauf-Maschine, an einen Sauerstoffanreicherer und einen Wärmetauscher angeschlossen ist. Über ihre Oberschenkelvene wird sauerstoffarmes Blut aus dem Körper abgesaugt und dann, aufgewärmt und mit Sauerstoff angereichert, durch die Oberschenkelschlagader wieder in den Kreislauf zurückgepumpt. Als die Ärzte um 21.52 Uhr den externen Blutkreislauf in Schwung bringen, ist Annas Körpertemperatur um weitere 0,7 Grad auf ganze 13,7 Grad gefallen. Noch nie hat ein Mensch eine solch extreme Unterkühlung überlebt - außer bei aufwändigen herzchirurgischen Eingriffen, bei denen Patienten ganz gezielt unterkühlt werden.

Auf ihren Weltrekord hätte Anna Bågenholm gern verzichtet. "Aus medizinischer Sicht ist ein solcher Versuch sehr fragwürdig", sagt sie trocken und lächelt.

Tatsächlich hatte sie, wie Arne Skagseht, einer der behandelnden Ärzte, erzählt, in der ersten Woche nach dem Unfall fünf- bis sechsmal lebensgefährliche Komplikationen durchlaufen, in denen sie dem Tod näher als dem Leben war. Einmal fielen die Nieren aus. Dann streikte die Leber. Dann versagte wieder das Herz, danach die Lunge, das Gehirn. Zu allem Unglück war bei der Rettung eine Arterie verletzt worden. Die Ärzte mussten deshalb Annas Brustkorb aufschneiden, um innere Blutungen zu stoppen, die nach dem Anschluss an die verschiedenen Apparaturen auftraten.

"Das Problem ist nicht, einen unterkühlten Körper wieder aufzuwärmen", sagt Professor Lars Bjertnaes von der Universität Tromsó, der Mitglied einer der sieben Rettungscrews ist. "Das Problem ist, den aufgewärmten Körper am Leben zu halten." Meistens schwellen beim Aufwärmen eines Unterkühlten die Membranen im Gehirn an, was zu einem tödlichen Ödem führt. Oder die Zellwände in den Kapillaren bersten dort, wo der Stoffwechsel stattfindet, und verlieren Flüssigkeit. Der Patient verblutet innerlich. Anna Bågenholm hatte neben viel Glück einen durchtrainierten Körper, ein gesundes Herz, erhielt relativ effiziente Hilfe vor Ort und anschließend medizinische Betreuung auf höchstem technischen Niveau. "Entscheidend war jedoch", sagt Chefarzt Gilbert, "dass sie schneller abkühlte, als ihr Herz zu schlagen aufhörte. Ihr Körper - insbesondere ihr Gehirn - wurde so in einem praktisch unbeschädigten Zustand konserviert." Als die Ärzte in jener Nacht um 0.49 Uhr, nach genau 179 Minuten, den externen Bypass, an den Anna Bågenholm angeschlossen ist, abstellen, hat ihr Körper bereits wieder eine Temperatur von 36,4 Grad erreicht. Fünf Stunden später ist sie so weit, dass sie aus der Notfallabteilung in die Intensivstation verlegt werden kann, wo sie 28 Tage unter ständiger Überwachung bleibt. Danach wird sie für 60 Tage in eine spezielle Rehabilitationsklinik gebracht.

Fünf Monate nach dem Unfall verlässt "die von den Toten Auferstandene" (CBS News) das Spital ohne bleibende Schäden. Mittlerweile, sagt sie, habe sie sich auch bei ihren Freunden entschuldigt, die am Unfallort Erste Hilfe geleistet hatten. Als die verunglückte Frau nach elf Tagen künstlichem Schlaf das Bewusstsein wiedererlangt hatte, war sie vom Hals abwärts gelähmt und verfluchte ihre Retter. "Ich wollte lieber tot sein, als ans Bett gefesselt zu bleiben." Die Lähmung, eine posttraumatische Reaktion, ließ nach wenigen Wochen sukzessive nach, und abgesehen von den etwas ungelenken Fingern, ist Anna wieder ganz auf dem Damm. "Der Pulverschnee in Kanada war fantastisch", sagt sie, als sie von ihren Skiferien erzählt.