Natürlich wird das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden auch ein Denkmal der deutschen Nation sein. Denn nichts eint die Deutschen so sehr wie die Erinnerung an den Holocaust und der Streit darüber. Das Stelenfeld des Architekten Peter Eisenman ist schon heute der Zentralort dieser Debatten, und wenn es irgendwann einmal gebaut sein sollte, wird es sich zum Walhalla der Selbstfindung verwandeln. Offen ist einzig, ob sich die Nation dort dem Holocaust stellt, sich von ihm verabschiedet oder ihn endgültig zum Freizeit- und Historiendrama verwandelt.

Eine Art nationales Gegenmonument wollen jetzt über hundert Bundestagsabgeordnete errichten. CDU-Merkel ebenso wie SPD-Meckel fordern den Kanzler auf, ein "Einheits- und Freiheitsdenkmal auf der Berliner Schlossfreiheit" aufzubauen, mit dem der "friedlichen Revolution vom Herbst 1989 und der staatlichen Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990" gedacht werden soll. Nicht irgendein verrätseltes Erlebniskunstwerk zum Durchwandern soll es werden, sondern der Grundstein für den Neubau des Schlosses und ein echtes, ein ganz handfestes Stück Staatsinventar auf hohem Sockel. Einen entsprechenden Unterbau (derzeit leer stehend) haben die Denkmalwilligen bereits ausfindig gemacht - es ist der Sockel, auf dem einst Kaiser Wilhelm I. prunkte, hoch zu Ross.

Unter der Losung "Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk!" will man sich dieses Steinblocks der Geschichte nun bemächtigen, das Nationale sucht sich seine Fundamente in vordemokratischer Zeit. Dabei gibt es in Berlin einen Platz, der sich wie kein anderer dafür anböte, ganz ohne Traditionstümelei an die verändernde Kraft der Demokratie zu erinnern: das Bürgerforum am Reichstag.

Eingebettet zwischen Kanzleramt und Ausschusssälen liegt diese Freifläche, geplant vom Architekten Axel Schultes. Er wollte hier einen öffentlichen Raum anbieten, einen Ort der Bürger inmitten der Verwaltungs- und Regierungszentralen. Als Urzelle des Demokratischen sollte es an die Foren der Antike erinnern und sie vielleicht sogar wieder beleben. Doch daraus wird wohl nichts. Es fehlt an Geld und an Verständnis für den republikanischen Idealismus des Bürgerforums, und so wird es wohl als gestaltlose Grünzone enden. Dass dieser Platz das eigentliche Denk- und Lebensmal der deutschen Einheit sein könnte, weil es die Demokratie nicht auf einen Sockel hebt, sondern sie dem offenen Streben und Treiben seiner Bürger überlässt, diese Idee scheint zu abstrakt zu sein. Lieber klammert man sich an Kaiser Wilhelm oder an die Konkretionen des Eisenmanschen Stelenfelds.