Moskau

Im Kongresspalast des Kremls drängen sich die Delegierten um die letzten freien Plätze. Beim Gründungsparteitag der politisch korrektesten Bewegung des neuen Russland, Einheit oder auch Bär genannt, möchten alle dabei sein.

Wer hier zu spät kommt, den könnte das Leben in der heraufziehenden Ära Putin bestrafen. Wie so oft in Russland geht es auch heute um das Schicksal des Landes. "Wir streben die Einheit von Macht, Regierenden und Volk an", ruft Sergej Schojgu, der Vorsitzende und russische Katastrophenminister, den Delegierten zu. Die zeigen Haltung und stimmen wie vorgesehen ab. Zum Beispiel über die Gründungsakte der Partei: Möchte jemand einen Änderungsantrag stellen? Niemand. Gut. Wer ist für die Akte? Alle reißen ihre Stimmkärtchen hoch. Wer ist dagegen? Niemand. Fragen? Keine. "Gratuliere!", ruft der Vorsitzende. "Jetzt sind wir eine richtige Partei."

Dann tritt der Star des Abends ans Rednerpult. "Der künftige Präsident braucht eine politische Kraft, auf die er sich verlassen kann", sagt der künftige Präsident Wladimir Putin. "Die Bürger Russlands sind müde vom ideologischen Kampf der Parteien

sie möchten eine starke Regierungsmacht, die die Dinge anpackt und zum Ende bringt." Es gebe zwar viele Parteien, aber keine, die die Interessen des ganzen Volkes vertrete, sagt Putin. "Es ist höchste Zeit, dass in Russland nach der Kommunistischen Partei eine moderne Partei entsteht, die staatsbildend ist."

Die Bärenbewegung ist ein Pfeiler des zukünftigen Systems Putin. Der amtierende Präsident, der sich am 26. März dem Volk zur Bestätigung stellt, zimmert in diesen Wochen die Stützen, auf denen seine Herrschaft nach der Wahl ruhen soll. Die Dreifaltigkeit der neuen Macht sind die Bewegung, der Staat und die Stadt, worunter Wladimir Putin seine Heimatstadt St. Petersburg versteht. Für den Juristen Putin und seine Mitstreiter lautet die Lehre der Jelzin-Jahre: Das in der Verfassung angelegte Tauziehen zwischen dem Präsidenten und den kommunistisch dominierten Volksvertretungen hat Russland blockiert, die für das Land untypische Teilung der Macht führte zur Schwächung des Staates. Überflüssiger Streit schadet nur, der Andersdenkende soll die Freiheit haben, so zu denken wie alle anderen auch. Das Rezept für Russlands Wiedererstarkung heißt "Einheit".

Der Name der neuen Partei kommt nicht von ungefähr. Im Kongresspalast haben sich alle versammelt, die der neuen Macht huldigen und sich in ihrem Glanze sonnen wollen: Gouverneure und Provinzfunktionäre, goldbetresste Weltkriegsveteranen und glatt geföhnte Börsenmakler, Schwulen-Lesben-Gruppen und rote Direktoren, junge Karrierebanker im Zweireiher und Kosakenatamanen mit Patronengürtel. Die traditionelle Vierkanth0ornbrille, Modell Uljanowsk, tragen einige Delegierte mit ebenso viel Stolz wie andere ihr neues streichholzschachtelgroßes Mobiltelefon. Die Einheit von Partei und Staat wird eindrucksvoll vor der Tür demonstriert, wo viele Regierungskarossen aufgefahren sind. Doch auch Privatfahrzeuge parken dort: Mercedes-Limousinen mit verchromtem Auspuff, BMWs mit Superbreitreifen und Jeeps mit vergoldeter Ramme für den knochenharten Alltag vor den Kreml-Toren. Die anderen sind mit der U-Bahn gekommen.