Mit der Erfindung des ersten "Heiligen Jahres" anno 1300 hat sich Papst Bonifaz VIII. "unsterbliche Verdienste um das römische Wirtschaftsleben" erworben, bemerkt Volker Reinhardt in seiner Geschichte Roms. Diese große Reliquienschau und Segenspende-Aktion bescherte dem Papst Macht und neues Prestige, Roms Händlern, Wirten und Taschendieben Hochkonjunktur, während vielen Hunderttausenden von Pilgern Ablass, also ein verkürztes Fegefeuer, verheißen wurde. Ein solcher Erfolg verlangte nach Wiederholung. Eine Tradition mit Heiligen Jahren alle fünfzig, dann alle fünfundzwanzig Jahre entstand, die nun, zur Jahrtausendwende kulminiert.

Das Großereignis von 1300 brachte dem mittelalterlichen Rom, das vom Haupt zum "Schwanz der Welt" (wie Toskaner spotteten) mit kaum 25 000 Bewohnern verkommen war, freilich nur einen zeitweiligen Aufschwung. Noch um 1400 schlotterte der viel zu weite antike Mauerring um Adelsburgen und Viehweiden, Kirchen und einen Haufen armer Dörfer, zwischen denen Banditen und Wölfe streunten. Erst im Zeichen der Renaissance sind Anspruch und Status der Ewigen Stadt glanzvoll wieder aufgerichtet worden.

Die Kommune, die zu allen Zeiten wenig für den Konsum, aber immer wieder grandiose Bauten zur Selbstdarstellung produziert hat, trat "um 1600 in eine der kulturell erregendsten Phasen ihrer Geschichte ein". Sie blühte zu einem "strahlenden Gesamtkunstwerk" auf, das später sogar das Denkmal für König Viktor Emanuel II. "mit dem ästhetischen Reiz einer Hochzeitstorte" verkraftete, halbwegs auch noch die großspurige Urbanistik des Faschismus.

Volker Reinhardt, Professor im schweizerischen Fribourg, zeigt Roms Historie in seiner reich bebilderten "Zeitreise" vor allem als "Spiegel, in den Mächtige sich und ihre Ideologien einritzen", als "eine propagandistische Schaufläche, die immerzu neu gestaltet und übermalt wird". Um diese Verwandlungen herauszuschälen, drängt der Autor die römische Antike und das frühe Mittelalter in knappe Auftaktkapitel zusammen und konzentriert sich auf das späte Mittelalter sowie Renaissance und Barock.

Dass die Zeit, als das Kapitol als "Ziegenberg" diente, und das endlose Machtgerangel der Päpste und ihrer Nepoten stärker in den Blick rücken als die Millionenstadt der Cäsaren, dass zum Beispiel Cäsar selbst kaum mehr als genannt wird, muss schon als eigenwillige Gewichtung gelten

eine Akzentuierung, die auch den Verzicht auf eine chronologisch ausgewogene Geschichtserzählung bedingt. Obwohl es in seiner Gestaltung so daherkommt, kann das Buch kaum als ein nachschlagfähiger Führer im touristischen Handgepäck dienen. Es ist vielmehr ein essayistisch fesselndes, oft griffig und keck formuliertes "Rom für Fortgeschrittene".

Volker Reinhardt: Rom

Ein illustrierter Führer durch die Geschichte

C. H. Beck Verlag, München 1999

288 S., Abb., 39,80 DM