Genießt den Spendenskandal, solange es ihn noch gibt! Immerhin verschafft er Leuten Gehör, die vor wenigen Monaten noch leicht als politische Sonderlinge abzutun waren. So geschehen auch auf dem Forum Pariser Platz, das das Deutschlandradio, der Sender Phoenix und die Dresdner Bank in Berlin diesmal zusammen mit der ZEIT veranstalteten, zum Thema Der Staat - eine Beute der Parteien?

Wolfgang Thierse, lange als Ossi-Bär verspottet, ist zu einer magistralen Figur emporgewachsen, von paulskirchenhafter Ehrwürdigkeit, souverän genug, die Parteien nicht nur streng zu vermahnen, sondern schon wieder zu verteidigen. Solange ihr gewiss behäbiges Regiment noch besteht, sind es wenigstens nicht die wirtschaftlichen Interessen allein, die den Lauf der Dinge bestimmen. Für Plebiszite mochte sich Thierse begeistern, nicht dagegen für die Idee, Politik auf Animateursweise "attraktiver" zu gestalten

der Anreiz zum Engagement müsse schon aus dem Leidensdruck kommen, aus der Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen.

Sehr gegen Plebiszite sprach Wilhelm Hennis, der nicht die direkte Demokratie einführen, sondern die repräsentative in ihrer verfassungsmäßigen Klarheit wiederherstellen will

wo die Parteien so stark seien wie bei uns, würden sie auch den Frontverlauf bei Volksentscheiden beherrschen. Überhaupt war Hennis, als politologischer Kohl-Kritiker automatisch unter Idealismusverdacht, an diesem Abend überaus realpolitisch und skeptisch, skeptisch auch gegen Thierses These vom Verändernwollen als politischer Urmotivation: "Die beste politische Bildung ist es, seine Interessen zu kennen."