Die Basis ist ergriffen

Kaiserslautern Seit Wochen hinterlässt Angela Merkel, von einer Regionalkonferenz zur nächsten reisend, eine Spur, auf der ihr die gesamte Öffentlichkeit hinterherschnüffelt. "Wenn sie's hier sagen tät?" Der Pfälzer Weinbaupräsident Norbert Schindler reibt sich die Hände. "Das wär pikant.

Ausgerechnet in dem Doktor Kohl sein Revier." Er ist gegen Angela Merkel als CDU-Parteivorsitzende. Seine Frau ist für sie. Er werde gleich Montag dem Altkanzler etwas spenden, "eine deutlich vierstellige Summe, das kann gern veröffentlicht werden, vielleicht auch eine fünfstellige, oder, also, lassen wir es lieber bei vierstellig".

Mit glänzenden Augen erwarten 1500 Christdemokraten aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland am Freitagnachmittag die Frau, die dazu beitrug, dass in rasanter Geschwindigkeit drei Spitzenmänner aus der Bahn geworfen wurden.

Außer moralischer Empörung scheint nichts sie angetrieben zu haben.

Allerdings das infame Wort vom "Kohl-System" stamme von ihr, geht unter den älteren Herren die Runde. Diesem Wort hänge DDR-Geruch an.

Es sind nicht nur Merkel-Sympathisanten gekommen, gleichwohl sind alle ausschließlich an ihr interessiert. Dabei soll die CDU-Basis sich über den Spendenskandal aussprechen, allein zu diesem Zweck ist die Generalsekretärin unterwegs. An ihrer Seite einer der drei geknickten Spitzenmänner: Wolfgang Schäuble. Der andere, Helmut Kohl, schwebt unsichtbar über der zum Bersten voll besetzten Burgherrenhalle in Kaiserslautern-Hoheneck, während von Volker Rühe überhaupt nicht mehr die Rede ist.

Schäuble applaudiert Merkel so wenig wie möglich Bis sie kommt, interviewt die Presse die Leute von der Basis. Die reden vor Mikrofonen inzwischen wie ihre Politiker: "Ich bin der Überzeugung, dass die Frau Doktor Merkel Kompetenz und ..." Auf einmal steigt von draußen der Stimmenpegel an, Fotografen hetzen herein, ein dichter Pulk dunkel gekleideter Männer schiebt sich wie ein Rammblock durch die Masse.

Die Basis ist ergriffen

Am Podium angekommen, wird Angela Merkel sichtbar, sie steigt rechts die wenigen Stufen festen Schrittes herauf, während links Wolfgang Schäuble die kleine Rampe hochrollt, in großer Anstrengung. Ein Saalordner schreit die Fotografen an: "Nicht, wenn er hochfährt!" Es ist schon passiert. Da erheben sich alle Menschen im Saal, um ganz deutlich ihn mit überwältigendem Applaus zu ehren. Auch die CDU-Generalsekretärin klatscht in ihre Hände. Aber nicht lange. Dann geht sie zum Redepult, und so wird auf einmal Wolfgang Schäubles Applaus zu ihrem.

"Liebe Freunde", hebt sie an, und bleibt in dieser Anrede sorgsam abgewandt von den Christdemokratinnen, wiewohl sich inzwischen nicht einmal mehr CDU-Männer genieren, zumindest öffentlich auch die "lieben Freundinnen" anzusprechen. "Wir müssen das", sagt sie, und alle wissen, was gemeint ist, "aus eigener Kraft restlos aufklären." Dann spricht sie von "mehr diskutieren" und von "unten nach oben". In ihrer Sprache klingt deutlich der forsche Dialekt der Hauptstadt an. Aber die Leute, scheint es, hören ihr weniger zu, als dass sie die Frau da vorn neugierig beäugen. Die als Parteivorsitzende? Warum nicht? Man applaudiert entgegenkommend, dann lebhaft, denn gerade hat die mögliche Vorsitzende dazu aufgefordert, "in den Kampf zu ziehen, um SPD-Länderpastionen zu stürmen". Nur Schäuble applaudiert nicht.

Dann ist er an der Reihe, beginnt bedächtig und redet sich in eine Leidenschaft, neben der Angela Merkel blutleer wirkt. Obwohl er sagt, was er in den vergangenen Wochen schon so oft gesagt hat, nämlich dass "es uns, die Rechtsstaatspartei, zerreißt, wenn einer von uns glaubt, sich von dem befreien zu können, was Recht und Ordnung ist", sind dennoch er und die Basis wieder tief bewegt von diesen Worten. Seine eigene Verstrickung ist wie ausgelöscht. Er ist der abgestrafte und gestürzte Schmerzensmann, der die christdemokratische Zerrissenheit für sie alle übernehmen soll. Dafür verehrt ihn die Basis. Das ausdrucksstarke Wort tut ihnen gut: Zerrissenheit. Ganz ergriffen sind sie vor Schmerz über die Schuld. Am Saalmikrofon spricht einer aus, was viele denken: Der Herr Schäuble rede mit einer Kraft, als wollte er selbst für den Parteivorsitz kandidieren. Hundertfach verlegenes Lachen.

Aber diskutieren wollen die Leute nicht über den christlich-moralischen Spendensumpf. Sie sitzen da wie eine dicht gefügte Masse Mensch. Über neunhundert Zettel wurden ausgegeben erst zwei Wortmeldungen liegen dem Saalordner vor. Die Basis möchte lieber, dass von oben gesagt wird, wie's nun weitergeht, ob die Frau Merkel nun kandidiere? Dass würde erst am 20. März bekannt gegeben, ermahnt Schäuble die Ungeduldigen, denn man müsse denen gegenüber fair sein, die auch kandidieren wollten und jetzt nicht hier seien.

Aber, fügt er hinzu, "wer Ohren hat zu hören, weiß, was die Basis will".

Neben ihm sitzend, hat Angela Merkel die Nase tief abgesenkt und die Unterlippe eingezogen. Ein Bild korrekter Bescheidenheit.

Der Abend endet eine halbe Stunde früher als geplant. Zwei, drei Angriffe gegen die Frau im dunklen Anzug werden von der Mehrheit im Saal mit Pfiffen und Buhrufen abgewehrt. Es scheint, sie soll es sein, und doch gibt es Unbehagen. Weniger gegenüber der Frau als Frau, eher gegenüber dem Menschen, der sie ist vierzig Jahre DDR? "Wir haben", sagt sie mit starkem Ausdruck in ihrem Schlusswort und unterbricht sich sofort, "nein - Sie! Sie haben jahrelang für die deutsche Einheit gekämpft, und ich habe auf der anderen Seite gesessen und gehofft, dass sich die durchsetzen, die Deutschlands Einheit wollen."

Die Basis ist ergriffen

Das sitzt. Man ist von sich selbst tief bewegt und sieht berührt auf die Befreite. Angela Merkel scheint in diesem Augenblick die gerettete Tochter, die Kopfgeburt des Vaters der Wiedervereinigung zu sein. Inbrünstig stimmt die Basis in das von oben intonierte Deutschlandlied ein.