Früher ist ein dehnbares Wort. Meint es hundert Jahre? Zwanzig Jahre? Für Johannes Wessels bedeutet es zehn Tage. "Früher", sagt er, "früher war das hier eine sichere Sache."

Johannes Wessels ist Filialeiter der Dresdner Bank in einer Stadt im Rheinland. In einem Viertel, in dem die Leute in renovierten Altbauten wohnen und es beim Bäcker Champagnertrüffel gibt. Nicht nur die Bankangestellten tragen hier Anzüge, sondern auch viele ihrer Kunden. Kunden mit Geld. Die einen gehen zur Deutschen Bank, die anderen zur Dresdner, nur ein paar Häuser weiter. Keine schlechte Gegend für Banken. "Im vergangenen Jahr hatten wir einen Ertrag von mehreren Millionen Mark", sagt Johannes Wessels.

Früher glaubte Johannes Wessels, seine Filiale laufe gut. Bis Dresdner Bank und Deutsche Bank vor zehn Tagen ihre Fusion ankündigten, weil ihnen das Filialgeschäft nicht gut genug geht. Jetzt wollen sie Zweigstellen und Abteilungen zusammenlegen - und die Kunden auch. Nur die Mitarbeiter nicht.

14 000 Arbeitsplätze sollen in Deutschland gestrichen werden. "Da wird es in den nächsten Monaten eine große Inventur geben", sagt Franz Scheidel, Betriebsrat in der Frankfurter Zentrale der Dresdner Bank. Wen es treffen wird, steht noch nicht fest, und deshalb möchte Johannes Wessels lieber nicht, dass sein wirklicher Name in der Zeitung steht.

Schon vor Jahren sagte das damalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Ulrich Cartellieri, dem Bankgewerbe werde es ergehen wie der Stahlindustrie: Es werde massenhaft Arbeitslose produzieren. Keiner scheint das so recht gehört zu haben. Vielleicht, weil es schwer fällt in Johannes Wessels' und seinen Mitarbeitern schwitzende Malocher einer überkommenen Branche zu sehen.

In Anzug und Krawatte, mit modischer Brille und gekämmten Haaren sehen sie aus wie ihr eigener Vorstandsvorsitzender, nur jünger. Knapp jeder fünfte Bankangestellte ist in der Gewerkschaft, in der Stahlindustrie sind es neunzig Prozent.

An der Wand gegenüber dem Schreibtisch von Johannes Wessels wirbt ein grün-weißes Plakat für die "globale Aktienanlage". Wessels informiert seine Kunden über Wertpapiere und Kursgewinne, über Anleihen und Ausschüttungen.