Er kommt aus einer denkbar klassischen Sammlung, dem Pariser Louvre, und betritt eine Kultureinrichtung neuen Typs, das museum kunst palast in Düsseldorf. Er ist ein streng stilgeschichtlich geprägter Kunsthistoriker, der die Moderneabteilungen zweier staatlicher Museen Frankreichs durchlaufen hat, aber empfohlen wird er seit den achtziger Jahren als führender Kunst-Ethnologe von heute. Jean-Hubert Martin, 1944 in Straßburg geboren, war von 1971 bis 1982 Kustos am Pariser Musée national d'art moderne, hat bis 1985 die Kunsthalle Bern geleitet und war danach bis 1990 Direktor des Centre Pompidou.

Als Magiciens de la terre stellte er 1989 in einer ebenso sensationellen wie umstrittenen Ausstellung hundert Künstlerinnen und Künstler aus allen Kontinenten nebeneinander, von Marina Abramovic über Alighiero Boetti, Frédéric Bruly Bouabré, Huang Yong Ping und Chéri Samba bis zu Lawrence Weiner. Das Universalkonzept war von Künstlern wie Joseph Beuys und Robert Filiou geprägt, Martin aber wollte auch mit Anthropologen arbeiten und bereiste die außereuropäischen Länder systematisch. Die Ausstellung, eine Fülle unvereinbarer Standpunkte, wurde beinahe ein Skandal. Für die zeitgenössische Kunst der neunziger Jahre blieb sie gleichwohl wegweisend.

Ab 1990 baute Martin im Château d'Oiron an der Loire bei Poitiers eine zeitgenössische Wunderkammer mit Künstlern wie Christian Boltanski, James Lee Byars, Thomas Grünfeld, Wolfgang Laib oder Daniel Spoerri auf. Ab 1994 leitete er das Pariser Musée national des arts d'Afrique et d'Océanie und bereitete Biennalen in Johannesburg, SÆo Paulo und Lyon vor. Seit dem Frühjahr 1999 weiß man, dass er für die Landeshauptstadt Düsseldorf, in der Kunstmuseum und Kunsthalle zusammengelegt werden, "neue Ansätze eines publikumsorientierten Museums des 21. Jahrhunderts verwirklichen" soll. Sein mit Spannung erwartetes Programm hat er in dieser Woche vorgestellt.

Kellein: Ihre Laufbahn hat eine große, vielleicht schicksalhafte Logik. Aus der alten Kunstmetropole Paris sind Sie vor und nach den Magiciens de la terre immer wieder zu den verschiedenen Weltkulturen gestoßen. Warum haben Sie sich wie kein anderer um das Thema Weltkultur gekümmert?

Martin: Zur Logik meiner Karriere, die ich persönlich übrigens erst im Nachhinein begreife, haben einige auch das Gegenteil behauptet. Sie sahen Magiciens de la terre, den Atlas von 100 Künstlern aus aller Welt, als Bruch mit anderen großen Ausstellungen von mir wie Paris-Moskau. Für mich wiederum war es seit Paris-Moskau 1979 im Centre Pompidou sehr naheliegend, geografisch zu arbeiten, denn schon hier ging es um die Entdeckung einer anderen Kultur - die Moskauer Kunst war Ende der siebziger Jahre im Westen noch kaum bekannt.

Kellein: Strahlte Magiciens de la terre 1989 nicht dennoch etwas anderes aus?

Martin: Der Kritiker Thomas McEvilley hat ja über diese Ausstellung geschrieben, sie sei "prototypisch postmodern". Ich persönlich sehe es eher andersherum: Die Magiciens haben der Moderne-Idee noch einmal gehuldigt. Die Moderne sollte aus Sicht der Künstler schon immer die Weltkulturen umfassen, und die Idee zur Ausstellung habe ich insbesondere Künstlern zu verdanken.